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Klärner, Andreas:
Zwischen Militanz und Bürgerlichkeit : Selbstverständnis und Praxis der extremen Rechten.
  – 1. Aufl. – Hamburg : Hamburger Edition, 2008. – 348 S.
ISBN: 978-3936096934

Nach wie vor gehören in vielen Regionen Deutschlands rechtsextremistische Gewalttaten zum Alltag. Doch in ihrer äußeren Selbstdarstellung hat sich die organisierte Szene in den letzten Jahren gewandelt. Dem martialischen Gestus und den nach wie vor fremden- und demokratiefeindlichen Parolen zum Trotz distanziert man sich inzwischen verbal von jeglicher Gewaltausübung und präsentiert sich zugleich als sozial-progressive Bewegung, die angeblich vom etablierten politischen System unterdrückt und ihres Grundrechts auf freie Meinungsäußerung beraubt werde. Themen wie Globalisierung und ihre Folgen, zunehmende soziale Ungerechtigkeit, Arbeitslosigkeit und Hartz IV werden aufgegriffen und im „nationalen“ Sinne für die eigenen Zwecke okkupiert. Dass es dabei inzwischen oft zu argumentativen Überschneidungen mit linken Aktivisten kommt, ist ebenso verwirrend wie erschreckend – als Paradebeispiel seien da nur antiisraelische Demonstrationen genannt, bei denen die Grenze zwischen berechtigter Kritik an Israels Militär- und Siedlungspolitik und offenkundigem Antizionismus/Antisemitismus nur allzu oft überschritten wird.
Der Soziologe Andreas Klärner, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock, recherchierte über zwei Jahre in  einer größeren Stadt im Ostteil Deutschlands, die namentlich nur „A-Stadt“ genannt wird. Er mietete sich vorübergehend in „A-Stadt“ eine Wohnung, knüpfte telefonisch und über Internetforen Kontakte zu Rechtsextremisten, besuchte deren Veranstaltungen und Demonstrationen und interviewte einige der Protagonisten auch in ihrer eigenen Wohnung. Dabei gelang es ihm, detailgetreue empirische Daten zu erheben und ein realistisches Bild von den Aktivisten und ihrem Selbstverständnis sowie den Taktiken und Strategien der lokalen rechtsextremen Szene zu sammeln. Das Ergebnis ist eine in sieben Hauptkapitel gegliederte, ebenso aufschlussreiche wie erschreckende Feldstudie:
Im Kapitel „Rechtsextremismus in Deutschland nach 1945: Von der partei- zur netzwerkförmigen Organisation“ beschreibt der Autor die Geschichte rechtsextremer Bewegungen von der Gründung der (später verbotenen) Sozialistischen Reichspartei, über die frühen Erfolge und den darauf folgenden Niedergang der NPD, den Aufstieg von REP und DVU bis hin zu den Gewaltwellen der frühen 90er Jahre und den gesellschaftlichen Gegenmaßnahmen. Im Anschluß erklärt der Autor den modernen Rechtsextremismus als soziale Bewegung und konzentriert sich dabei  anhand des Beispiels „A-Stadt“ auf die aktionsorientierte Seite des rechten Extremismus. Seiner Studie stellt er Erläuterungen zum methodischen Vorgehen voran. Im Kapitel „Rechtsextremismus in A-Stadt“ beginnt Klärner schließlich die Ergebnisse seiner Forschungen zu schildern: die Geschichte, Hintergründe und Aktivisten der rechtsextremen Szene in jener ostdeutschen Stadt, lokale gesellschaftliche Zusammenhänge, verschiedene Aktionen und das öffentliche Auftreten der Rechtsextremisten. Im folgenden Abschnitt porträtiert er die Aktivisten der rechtsextremen Szene und beschreibt ihr Umfeld und ihre Beweggründe. Daran knüpft das Kapitel „Zum Selbstverständnis der Interviewten“ an, das in drei Teilen („Problemdefinition und Zukunftsvisionen", "Selbstbeschreibung" und "Handlungsorientierungen") Einblicke in die Gedankenwelten der Protagonisten bietet. Zusammenfassend erörtert Klärner im letzten Kapitel die möglichen Erfolgsaussichten rechtsextremer Bewegungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts sowie mögliche Gegenstrategien. Er resümiert, dass die Ziele jener Akteure und Organisationen – allen Tarnungsversuchen nach außen hin zum Trotz –  nach wie vor eine Bedrohung für die demokratische Gesellschaft darstellen und diese sich weiterhin Diskussionen mit ihnen verweigern sollte. „Hält die demokratische Öffentlichkeit an der Isolierung des Rechtsextremismus auf breiter gesellschaftlicher Basis fest“, so der Autor, „wird dies … entscheidend dazu beitragen, eine dauerhafte Etablierung der Bewegung zu verhindern" (S. 309).

Umfangreiches Literaturverzeichnis.

Thomas Wagner