Decker, Oliver:
Vom Rand zur Mitte : rechtsextreme Einstellung und ihre Einflussfaktoren in Deutschland
/ Oliver Decker; Elmar Brähler. Unter Mitarb. von Norman Geißler; hrsg. von der Friedrich-Ebert-Stiftung. – Berlin, 2006. – 184 S. – (Forum Berlin)
ISBN 10: 3-89892-566-8

Fundierte Umfragewerte, die dieser Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung über rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland zu Grunde liegen, bekräftigen einmal mehr die Erkenntnis, dass die Ausprägung des Rechtsextremismus kein Randphänomen, sondern ein politisches Problem in der traditionellen Mitte der Gesellschaft ist. „Rechtsextreme Einstellungen sind durch alle gesellschaftlichen Gruppen und in allen Bundesländern gleichermaßen hoch vertreten.“ (S. 157)
Zu diesem beunruhigenden Resultat gelangen die Leipziger Wissenschaftler E. Brähler und O. Decker in Auswertung einer bundesweiten Datenerhebung, die zuletzt 2006 durchgeführt wurde. Fünftausend repräsentativ ausgewählte Personen wurden aufgefordert, auf einem Fragebogen zum Rechtsextremismus ihre Ansichten zu 18 entsprechenden Aussagen in Abstufungen zwischen Ablehnung und Zustimmung zu äußern (Tab. 2.1.1, S. 32-34).
Aus den Antworten der Befragten wurde ein mehrdimensionales rechtsextremes Einstellungsmuster abgeleitet. (S. 20). Die sich daraus ergebenden Daten, ergänzt durch Ergebnisse analoger Befragungen zu politischen Aspekten wie Einstellung zur Demokratie, Gewaltbereitschaft und Autoritarismus wurden für die Studie anhand detailliert aufgeschlüsselten Zahlenmaterials (Tabellen, Diagramme) und ausführlicher Texterklärungen aufbereitet und transparent gemacht.
Es zeigt sich, dass trotz punktuell unterschiedlicher Werte im Ost/West-Vergleich bundesweit ausländerfeindliche, chauvinistische und antisemitische Aussagen die höchsten Zustimmungswerte erhalten (Tab. 2.2.1, S. 43). Die Datenanalyse bestätigt: Ausländerfeindliche Einstellungen verhärten sich. Fast 40 % der Deutschen vertritt die Auffassung, dass die Bundesrepublik durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet sei (Diagramm 2.1.3, S. 37). Deutlich wird, dass der Osten Deutschlands für ausländerfeindliche Vorurteile besonders empfänglich ist. Ausländerfeindlichkeit, so resümieren die Autoren, „scheint für weite Teile der Bevölkerung, unabhängig von Geschlecht, Bildungsgrad oder Parteienpräferenz konsensfähig zu sein.“ (S. 159)
Der Benutzer der Studie wird mit weiteren Ergebnissen zu diesem brisanten Thema konfrontiert: Ein hoher Anteil rechtsextrem eingestellter Deutscher gehört demnach zur Wählerschaft der großen demokratischen Parteien (Tab. 2.2.8, S. 53). Das Gleiche gilt für Gewerkschaften (Tab. 2.2.9, S. 54) und Kirchen (Tab. 2.2.10, S. 55).
Widerlegt wird die landläufige Meinung, rechtsextreme Ideologie würde vorwiegend durch junge Neonazis vertreten. Fakt ist: Mit 41,8 % bilden Vorruheständler und Rentner die größte Gruppe innerhalb der rechtsextrem Eingestellten. (S. 113)
Auf der Suche nach Ursachen für Rechtsextremismus zeigt sich nach Auffassung der Forscher, „dass die Stärke der rechtsextremen Einstellung sowohl mit psychischen als auch mit sozialen Einflussfaktoren erklärt werden kann.“ (S. 125). In Relation dazu stehen Demokratiedefizite dieser Gesellschaft wie Armut und Arbeitslosigkeit, Werteverfall, Bildungsverluste und mangelnde Transparenz demokratischer Entscheidungsprozesse zur Debatte.
Die vorliegende Daten- und Problemanalyse beinhaltet zwar Überlegungen zu politischen Konsequenzen, kann aber nicht den Königsweg zur Lösung dieses gesamtgesellschaftlichen Problems weisen. „Hier ist“, heißt es abschließend, „jede gesellschaftliche Institution gefragt, über Strategien gegen Rechtsextremismus nachzudenken und diese umzusetzen.“ (S. 158).
An dieser Stelle weisen wir auf eine weitere, ebenfalls 2006 von der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegebene Publikation hin: „Die Ursachen von Rechtsextremismus und mögliche Gegenstrategien der Politik“ – Dokumentation einer Bürgerkonferenz.
Glossar; Literaturverzeichnis.

M. Jonzeck

Quelle: http://www.aric.de/publikation/archiv_buchtipps/rechtsextremismus/vom_rand_zur_mitte/