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Rechtsextremismus in Brandenburg : Handbuch für Analyse, Prävention u. Intervention / Hrsg. Julius H. Schoeps; Gideon Botsch; Christoph Kopke; Lars Rensmann. – 2. Aufl. – Berlin : Verl. für Berlin-Brandenburg, 2007. – 455 S.
ISBN 978-3-86650-640-4

1990 wurde im brandenburgischen Eberswalde der Angolaner Amadeu Antonio Kiowa von einer ca. 50-köpfigen Gruppe Neonazis ins Koma geprügelt, aus dem er nicht mehr erwachte. An diesen Vorfall, der als erster fremdenfeindlicher Mord im wiedervereinigten Deutschland traurige Berühmtheit erlangte, erinnern die Herausgeber des vorliegenden Bandes in ihrem Einführungstext. Dieser Mord blieb leider kein Einzelfall. Von den obligatorischen Treffen und martialischen Aufmärschen neonazistischer Gruppierungen über volksverhetzende Publikationen und Schmierereien bis hin zu brutalsten gewalttätigen Übergriffen reicht bis zum heutigen Tag die Palette rechtsextremer Vorfälle in Brandenburg. Die konsequente Bekämpfung von Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus müsse "mehr denn je zentrale Aufgabe von Staat und Zivilgesellschaft" sein, schreibt Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm in seinem Geleitwort; tatsächlich begannen Brandenburger Regierungsinstitutionen sowie staatliche Initiativen und NGOs auch schon früh, diesen faschistischen Umtrieben eigene Aktivitäten entgegenzusetzen. 
„Rechtsextremismus in Brandenburg“ enthält über 40 Einzelbeiträge von über 50 Autoren unterschiedlicher politischer Richtungen und Professionen. Die Bandbreite reicht dabei von wissenschaftlichen Analysen zu rechtsextremen Potenzialen bis hin zu Schilderungen von Problemstellungen und Handlungsalternativen aus der Sicht verschiedener, überwiegend im Land Brandenburg aktiver Akteure staatlicher und nichtstaatlicher Institutionen. 
Der Sammelband ist in vier Hauptteile gegliedert: „Analysen zum Rechtsextremismus in Brandenburg“ befasst sich u. a. mit Definitionen und Erscheinungsformen des Rechtsextremismus sowie dessen Milieus, untersucht rechtsextreme Einstellungen und Trends in Brandenburg und bietet einen Überblick über die entsprechenden Organisationen seit 1990. Darin wird deutlich, dass allen Verharmlosungen zum Trotz dringender Handlungsbedarf besteht, denn das rechtsextreme Einstellungspotenzial in Brandenburg ist zwischen 1998 und 2004 von 19% auf 33% angewachsen. Untersucht werden ferner die rechtsextremen Mobilisierungsversuche in Jugend- und Musikszenen und die Codierung rechtsextremer Symbole und Kleidung im öffentlichen Raum. Teil 2 – „Prävention und Intervention: Staat, Gesellschaft und Pädagogik im toleranten Brandenburg“ – stellt Chancen, Strategien und Aktionsbündnisse gegen Rechtsextremismus vor. Im folgenden Teil „Staat und Recht“ werden die staatlichen bzw. juristischen Möglichkeiten zur Prävention und Intervention diskutiert, u. a. auch die Frage eines NPD-Verbots, dessen tatsächlicher Nutzen unter Experten nach wie vor umstritten ist. Der Teil „Kommune und Gesellschaft“ enthält u. a. einen interessanten Erfahrungsbericht mit NPD-Mandatsträgern aus dem Nachbarland Mecklenburg-Vorpommern, widmet sich kommunalen Handlungsstrategien, der Förderung von Zivilcourage in Schule und Jugendarbeit, Projekten im Sportbereich und journalistischen Erfahrungen im Umgang mit der NPD. Der abschließende 4. Teil „Erziehung und Bildung“ legt den inhaltlichen Schwerpunkt auf die Möglichkeiten pädagogischer Arbeit im Kampf gegen Rechtsextremismus, dabei werden auch Themen wie Gewaltprävention an Schulen, Konzepte für die Arbeitswelt und die Chancen und Grenzen historisch-politischer Bildungsarbeit in KZ-Gedenkstätten berücksichtigt. Erwähnenswert ist dann auch noch der mit fast 70 Seiten sehr umfangreich ausgefallene Serviceteil, der zahlreiche Institutionen und Initiativen sowie wichtige Internetseiten vorstellt. Ein Autorenverzeichnis schließt den Band ab.

Thomas Wagner