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Martin, Noël E.:
Nenn es: mein Leben : eine Autobiografie
/ Noël E. Martin ; aufgezeichnet von Robin Vandenberg Herrnfeld. – Orginalausg. - 1. Aufl. – Karlsruhe : Loeper Literaturverl., 2007. – 250 S.; Abb.
ISBN 978-3-86059-332-5

Am 16. Juni 1996 wurde Noël Martin, britischer Staatsbürger jamaikanischer Herkunft, im brandenburgischen Mahlow von jugendlichen Neonazis attackiert. Beim Versuch den Angreifern in seinem Auto zu entkommen, verlor er die Kontrolle über das Fahrzeug und prallte gegen einen Baum. Seitdem ist Martin vom Hals abwärts querschnittsgelähmt, sein bisheriges Leben für immer zerstört.
In der von seiner deutschen Vertrauten Robin Vandenberg Herrnfeld aufgezeichneten Autobiografie „Nenn es: mein Leben“ erzählt Martin seine Geschichte: 1959 geboren erlebt er eine von Armut geprägte, aber dennoch glückliche Kindheit bei seiner Patentante in Jamaika. Im Sommer 1969 holt ihn seine Mutter nach England, das der Junge sich als das „gelobte Land“ vorstellt. Doch die Wirklichkeit ist ernüchternd. In Birmingham lebt die fünfköpfige Familie in einer schäbigen Zweizimmerwohnung; Monotonie, häusliche Gewalt und erste Erfahrungen mit weißem Rassismus prägen die ersten Jahre dort, die Martin später als die schlimmsten seines Lebens bezeichnen wird. Ein von Vorurteilen und Gleichgültigkeit geprägtes Erziehungssystem macht es dem Heranwachsenden unmöglich, eine seinen Fähigkeiten entsprechende Schulbildung zu erlangen. Immer wieder wird er mit ungerechter Behandlung, auch mit offenem Rassismus konfrontiert, er wehrt sich, begehrt auf, wird mehrmals vom Unterricht suspendiert und schließlich der Schule verwiesen. In der Rastasubkultur des Reggae findet der Jugendliche zunächst so etwas wie eine kulturelle Identität, zugleich wird er wiederholt das Opfer grundloser, unverhohlen rassistisch motivierter Polizeischikanen. Doch Noël Martin lässt sich nicht unterkriegen, er bewahrt sich einen erfrischenden Humor, gewinnt aus seinen Erfahrungen ein gesundes Selbstbewusstsein und eine souveräne Stärke, die es ihm mit viel Fleiß ermöglicht, sich eine eigene Existenz aufzubauen. In der weißen Britin Jacqueline Shields findet er die Liebe seines Lebens. Er erlernt das Gipserhandwerk und arbeitet sich allmählich vom einfachen Arbeiter zum selbständigen Bauunternehmer hoch. Das Geschäft läuft gut, er erhält Großaufträge in seiner Heimat und in anderen europäischen Staaten. 1994 erhält er schließlich einen Bauauftrag in Mahlow im Bundesland Brandenburg, wo er nach zwei Jahren Opfer eines rechtsextremistischen Anschlags werden wird. Trotzdem will er nicht aufgeben, will alle Möglichkeiten nutzen, eines Tages wieder zu genesen, was angesichts seiner Verletzung jedoch ein unerreichbarer Traum bleibt. Martin ist zum dauerhaften Pflegefall geworden, sein einziger Haltepunkt bleibt Lebensgefährtin Jacqueline, die ihn vier Jahre lang aufopfernd pflegen wird, bis sie selbst schließlich an Krebs erkrankt. Im April 2000 heiraten die beiden, zwei Tage nach der Hochzeit stirbt Jacqueline. Noël Martin verliert seinen Lebenswillen, im Juni 2006 kündigt er an, an seinem 48. Geburtstag am 23. Juli 2007 freiwillig mit Hilfe einer Schweizer Sterbehilfeorganisation aus dem Leben scheiden zu wollen. Doch inzwischen verschob er diesen Termin auf unbestimmte Dauer, denn er ist nicht reisefähig und braucht auch noch Zeit, um seinen Nachlass zu regeln. Sein Vermögen soll nicht an den Staat fallen, sondern einer von ihm ins Leben gerufenen Stiftung in England zugute kommen.
Noël Martin schaut in seiner Autobiografie mit viel Sinn für Details und erstaunlicher Offenheit zurück auf sein Leben. Er beschönigt dabei nichts, auch nicht seine eigenen Schwächen. Doch niemals verfällt er in pures Selbstmitleid oder Trauertiraden, auch wenn Ghostwriterin Vandenberg Herrnfeld hin und wieder nicht so ganz die Distanz wahren kann und zwischen den Zeilen ihrer Betroffenheit Ausdruck verleihen muss. Der Verlag bezeichnet das Buch als „ein erschütterndes und bewegendes Zeit-Dokument“. Vor allem aber ist dies die Geschichte eines Menschen, der allen Widrigkeiten zum Trotz nie seine Würde verlor; eine Geschichte, die allem Unglück zum Trotz Hoffnung und Mut macht.
Ein Teil des Verkaufserlöses des Buches kommt übrigens dem von Martin mit initiierten Noel-und-Jacqueline-Martin-Fonds zugute, der Jugendbegegnungsprojekte zwischen Birmingham und Brandenburg finanziert, siehe auch im Internet unter www.noel-martin.de.

Thomas Wagner