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Gerdes, Hilke:
Türken in Berlin
/ Hilke Gerdes. – Berlin-Brandenburg : be.bra Verl., 2009. – 223 S. : Abb. – (berlin edition)
ISBN: 978-3-8148-0163-6

Mit dem Buch Türken in Berlin greift Hilke Gerdes zweifellos ein bedeutendes und aktuelles Thema auf. Kenntnisreich und präzise bereitet die Autorin, die auch als Lektorin arbeitet, die Geschichte der Türken in Berlin chronologisch auf und skizziert das gegenwärtige „türkische Leben“ in Berlin. Dabei ist es ihre Absicht, die Vielfalt der in Berlin lebenden Türken sichtbar zu machen. Das Buch stellt sich somit den in den Medien verbreiteten Klischees von Türken als anatolische Bauern, kriminelle Jugendliche oder zwangsverheiratete Frauen entgegen (S. 8). In diesem Sinne distanziert sich H. Gerdes auch bereits in der Einleitung von einem eindimensionalen Verständnis des Begriffs „Türken“, „denn es gibt nicht eine ideale Bezeichnung, die allen Türken in Berlin gerecht würde“ (S. 7).

2009 wurde das 20-jährige Bestehen der Partnerschaft der Städte Istanbul und Berlin gefeiert. Die Autorin beginnt ihren historischen Rückblick damit, dass bereits im 18. Jahrhundert türkische Gesandte nach Berlin kamen und es erste Berührungspunkte zwischen Preußen und Berlin und dem Osmanischen Reich gab. Es folgt ein Blick auf den Kongress zu Berlin im Jahr 1878, auf dem die Großmächte Europas die geopolitischen Grenzen im Balkan beschlossen sowie auf die diesem Treffen folgende deutsch-türkische Kooperation in den Bereichen Handel, Militär und Bildung. Das deutsch-türkische Zusammenleben in Berlin in den zwanziger und dreißiger Jahren ist Gegenstand des dritten Kapitels. Dieser Abschnitt informiert darüber, wie Berlin nach dem Ersten Weltkrieg zum Exil für jungtürkische Regierungsmitglieder wurde und wie u.a. die junge Türkin Rebia Tevfik Basokço zu einer bekannten Modemacherin Berlins aufstieg.  Darüber hinaus wird ein Überblick über die diplomatischen Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und der türkischen Republik gegeben. In den ersten drei Kapiteln werden somit wichtige, jedoch weniger bekannte frühe Einschnitte der Geschichte des deutsch-türkischen Zusammenlebens in Berlin nachgezeichnet. Die türkischen Gastarbeiter stehen im Mittelpunkt des vierten Kapitels. Dargestellt werden die verschiedenen Einwanderungswellen in den 1960er- und 1970er-Jahren ausgelöst durch das offizielle Anwerbeabkommen der Bundesrepublik von 1961 sowie durch die besondere politische Lage in der Türkei 1971. Es folgt die Thematisierung der 1980er-Jahre, in denen, „in der Öffentlichkeit die Diskussion über Türken als ‚Problemfall’“ (S. 111) dominierte. Die Autorin schildert, wie sich ausländerfeindliche Tendenzen in der Gesellschaft und der Politik dieser Zeit ausdrückten. Sie thematisiert Aspekte des alltäglichen Lebens wie z.B. die Wohnsituation von Türken in Quartieren wie Kreuzberg, Tiergarten und Wedding. Zugleich wird die politische Arbeit von Organisationen dargestellt, die sich zunehmend für die Interessen der türkischen Einwohner einsetzen. Aspekte des heutigen Lebens von Türken in Berlin und die gegenwärtig komplexer werdende Struktur der Minderheit werden im sechsten Kapitel beschrieben. Hier wird verdeutlicht, wie ein politisches Umdenken zu neuen ausländerrechtlichen Gesetzen und einem neuen Integrationskonzept führte. Ein Überblick über die mannigfaltigen türkischen Unternehmen Berlins, das türkische Berliner Theater und Kabarett, den türkisch-deutschen Film sowie über Berliner KünstlerInnen, AutorInnen, MusikerInnen und PolitikerInnen mit türkischem Hintergrund veranschaulicht die Vielfalt der heutigen türkischen Community Berlins. Verdeutlicht wird dies durch die vielschichtige Organisationsstruktur der Moscheenvereine und Dachverbände, die Moscheen in Berlin, den Religionsunterricht sowie durch Regeln, Rituale und Feste im Islam. Im letzten Kapitel werden weitere Aspekte des heutigen „türkischen Alltags in Berlin“ (S. 190) in Form einer alphabetischen Auflistung angeführt. Die Skizzierung des heutigen deutsch-türkischen Zusammenlebens erfolgt insgesamt nicht aus einer problemorientierten Perspektive heraus, sondern wird charakterisiert durch das Aufzeigen seiner Potentiale.

Das Buch endet mit der Bereitstellung eines umfangreichen Adressenteils, der zu einem persönlichen Kennenlernen des türkischen Berlins einlädt. Es enthält ferner ein weiterführendes Literaturverzeichnis. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass dieses Buch eine sachliche und mit vielen Abbildungen anschaulich aufbereitete historische Übersicht über fast 300 Jahre „türkisches Lebens“ in Berlin sowie eine vielfältige Annäherung an Berlins türkische Minderheit ist, ohne dabei Klischees zu bedienen.

Jule Bönkost