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„Zehn Brüder waren wir gewesen …“ : Spuren jüdischen Lebens in Neukölln / hrsg. von Dorothea Kolland im Auftrag des Bezirksamts Neukölln von Berlin. – Neuausg. –Berlin : Hentrich & Hentrich, 2012. –  604 S. : zahlr. Abb.


Unter dem Titel „Zehn Brüder waren wir gewesen …“ erschien dieser Band erstmalig 1988 im Zusammenhang mit dem damaligen Ausstellungsprojekt „Spuren jüdischen Lebens in Neukölln.“ Nach 25 Jahren seiner Erstveröffentlichung liegt jetzt das Buch, nicht das erste seiner Art aus Berliner Bezirken(*1), in einer wissenschaftlich und methodisch überarbeiteten, aktualisierten und deutlich erweiterten Neuausgabe vor - ein nachahmenswertes Beispiel für Geschichtsaufarbeitung auf lokaler Ebene. Etwa 60 chronologisch geordnete Beiträge sowie das „Neuköllner Gedenkbuch“, Kernstück auch der zweiten Ausgabe, erinnern an Menschen jüdischer Herkunft oder jüdischen Glaubens, die in Neukölln gelebt und die Kommunalpolitik ihres Wohnortes auf den verschiedensten Feldern mitgeprägt haben. Sie waren vor allem in der Sozial-, Bildungs- und Gesundheitspolitik tätig. Zu den vor 1933 öffentlich bekannten jüdischen Neuköllnern gehörten zum Beispiel Bildungsstadtrat Dr. Kurt Löwenstein und die Leiterin der Städtischen Volksbücherei Neukölln, Dr. Helene Nathan. Heute trägt die Stadtbücherei Neukölln ihren Namen. Eine angemessene Würdigung dieser und weiterer Persönlichkeiten erfolgt in mehreren Fachaufsätzen.
Ausgehend von dem speziellen Anliegen dieser Edition gedenken die Autoren der jüdischen Einwohner Neuköllns, deren Leben und Existenz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ausgelöscht wurden. Wenige nur überlebten den Holocaust. Einige ihrer Erinnerungen sind in diesem Buch enthalten.
Mit Blick auf die gegenwärtige Situation des Berliner Großbezirks Neukölln mit seinem ausgeprägten migrantischen Hintergrund und den sich daraus ergebenden Problemen machen die Herausgeber in ihrem ausführlichen Vorwort auf den engen Zusammenhang zwischen der Geschichte der Juden in Neukölln und der generellen geschichtlichen Entwicklung des Bezirks der letzten hundert Jahre aufmerksam. Jüdische Geschichte sei „nicht isoliert zu sehen von der gesellschaftlichen Situation, in die sie eingebettet ist und die sie prägt. Die Geschichte einer Minderheit ist immer zugleich auch die Geschichte der Mehrheit und deren Verhältnis zu ihr. Die Möglichkeit der Integration oder der Ausgrenzung wird von der Mehrheit bestimmt. Unser Hauptanliegen war es, das Leben von Menschen in einer konkreten Stadt zu beschreiben.“(S. 13)
Die Protagonisten dieser aufwendig wie gründlich recherchierten Spurensuche sind die so genannten „kleinen“ Leute: Arbeiter, Handwerker, Angestellte, Kaufleute und Gewerbetreibende. Sie lebten und arbeiteten wie die Mehrheit der nichtjüdischen Neuköllner unter den Verhältnissen eines traditionellen Arbeiterbezirks.
Welche wirtschaftliche Bedeutung zum Beispiel jüdische Kleinunternehmer bis zur Enteignung und „Arisierung“ ihres Besitzes durch die Nationalsozialisten für Berlin besaßen, veranschaulicht die Arbeit von Karolin Steinke mit dem etwas rätselhaft klingenden Titel „Fünf Becher und fünf Schicksale“. Ausgelöst durch fünf Kidduschbecher, die in der Dauerausstellung „99 x Neukölln“ neben weiteren, noch vorhandenen wertvollen Alltagsgegenständen im Museum Neukölln zu sehen sind, begab sich die Autorin auf die Suche nach der Geschichte hinter den Silberbechern.(*2) Dabei stieß sie auf das Schicksal der Neuköllner Kaufmannsfamilie Rachel und Simon Adler. Die Adlers betrieben einen florierenden Eierhandel. Unter dem Druck der Nazibehörden mussten sie, wie andere jüdische Kaufleute auch, ihr Gewerbe aufgeben. Das Ehepaar, in dessen Besitz sich die fünf Silberbecher befanden, kam in Auschwitz um. Wie die Kidduschbecher den Weg ins Museum fanden, erfährt der Leser in diesem Beitrag.
Im Zentrum des Bandes steht, wie bereits anfangs erwähnt, das „Neuköllner Gedenkbuch“. Es nennt Namen und Daten von mehr als 700 Neuköllner Juden, die in der Zeit zwischen 1933 und 1945 deportiert, ermordet oder in den Selbstmord getrieben wurden. Die Angaben basieren im Wesentlichen auf Datenmaterial, das 1995 im „Gedenkbuch Berlins der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus“ veröffentlicht wurde. Die Herausgeber machen auf Grenzen und Defizite der Erhebung aufmerksam. Sie betonen, dass die Leerstellen auch dieses Kapitels der Spurensuche umfangreicher sind als die Fundstellen.(S. 14)
Dieses historisch fundierte Werk, das nachforscht, Wissen vermittelt und bewahrt, wird nicht, wie andere Publikationen über den Bezirk Neukölln, polarisieren oder kontroverse Integrationsdebatten auslösen. Neuköllns Bildungs- und Kulturstadträtin Dr. F. Giffey verweist in ihrem Geleitwort auf die Bedeutung des Buches für die Geschichtsarbeit in den Schulen und in der Auseinandersetzung mit rassistischen und antisemitischen Denk- und Verhaltensweisen.
Anmerkungen nach jedem Beitrag, Autorenverzeichnis, Namensregister.

M. Jonzeck

(*1) s. „Juden in Charlottenburg : ein Gedenkbuch.“, Berlin 2009. – in Archiv Buchtipp
(*2) s. auch Steinke, Karolin : Simon Adler: Ostjüdischer Eierhändler in Berlin. – Berlin : Hentrich & Hentrich, 2011. – 88 S. (Jüdische Miniaturen; Bd. 111)