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Kaddor, Lamya:

So fremd und doch so nah – Juden und Muslime in Deutschland / Lamya Kaddor; Michael Rubinstein.
Unter Mitarbeit von Thorsten Gerald Schneiders. – 1. Aufl.. – Ostfildern : Patmos-Verl., 2013. – 183 S.
ISBN 978-3-8436-0384-3


Wie steht es um den Dialog zwischen Juden und Muslimen im Einwanderungsland Deutschland? Folgt man einer Einschätzung der Autoren des vorliegenden Buches unter dem treffenden Titel „So fremd und doch so nah“, stehen Juden und Muslime „im Verdacht, sich über kurz oder lang die Köpfe einzuschlagen, wenn man sie zusammenbringt und über Glauben, Gesellschaft und Politik diskutieren lässt. Zu vieles scheint zwischen beiden Religionen und Traditionen zu stehen, als dass eine friedliche Unterhaltung möglich wäre.“ (S. 7) Besteht aber nicht doch die Möglichkeit, dass man ohne Tabus und beleidigende Zuspitzungen über Konflikte und unterschiedliche Denkweisen miteinander sprechen kann? Die Muslimin Lamya Kaddor  (geboren 1978 in Ahlen)(1) und der Jude Michael Rubinstein  (geboren 1972 in Düsseldorf)(2) wollen beweisen, dass ein anregender und kritisch-konstruktiver Gedankenaustausch zwischen Vertretern der beiden Glaubensrichtungen möglich ist, sofern folgende Voraussetzungen gegeben sind: Offenheit und kritische Wertschätzung füreinander.
Zugleich möchten sie deutlich machen, dass es zwischen Juden und Muslimen mehr Gemeinsamkeiten gibt als allgemein angenommen. So entstand dieses Dialogbuch mit neun thematisch gegliederten Abschnitten. Jedes Kapitel beginnt mit einer Einführung, die in ein Gespräch der Autoren zum jeweiligen Thema überleitet.
Die Autoren, „Kinder der deutschen Gesellschaft“ (S. 9), repräsentieren bereits eine jüngere Generation jüdischer und muslimischer Minderheiten in Deutschland. Ausgehend von ihren persönlichen Erfahrungen in Familie und Beruf sowie im interreligiösen Dialog können sie am besten beurteilen, was Juden und Muslime aller in Deutschland lebenden Generationen verbindet und was sie trennt, wie ihre Lebenswirklichkeit aussieht und welche Vorstellungen sie vom Zusammenleben verschiedener Religionen und Kulturen haben.
Die Autoren blenden kein noch so heikles Zeitthema aus: Nahostkonflikt, die Schoah, Gewalt und Terror im Namen der Religion, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit in Deutschland, Gottesglaube und Vernunft, Heimat und Identität.
Man soll sich nicht täuschen. Ungeachtet vieler gemeinsamer Auffassungen zu politischen und religiösen Fragestellungen und Konflikten, die auch in der Öffentlichkeit diskutiert werden, sprechen L. Kaddor und M. Rubinstein nicht nur mit einer Stimme. Der Nahostkonflikt zum Beispiel und die daraus resultierende Frage, ob er die eigentliche Ursache für den schwelenden und immer wieder offen ausbrechenden Antisemitismus sei, polarisieren auch hier.
An Aktualität und Deutlichkeit gewinnt das jüdisch-muslimische Buchprojekt, wenn die Autoren in ihrer Rolle als „kritische Kommentatoren der deutschen Gegenwart“ (S. 9) der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Nachdenkenswert ist in diesem Zusammenhang die Äußerung Rubinsteins, dass es in Deutschland nicht immer leicht sei, Deutscher jüdischen Glaubens zu sein. (S. 153) „Fakt ist …, dass antijüdische Ressentiments bis hin zu eindeutigen Antisemitismus heute wieder gesellschaftsfähig geworden und auch in den Bildungseliten unseres Landes angekommen sind.“ (S. 96) Zwar verwirft Rubinstein den Gedanken an Auswanderung, ruft aber alle gesellschaftlichen Kräfte auf, antisemitische Tendenzen frühzeitig zu bekämpfen. „Da könnten Muslime und Juden gut an einem Strang ziehen.“ (S. 149)
Sehr deutlich wird die Vermittlerrolle, die die Autoren mit ihrem Beitrag zur Integrationsdebatte zielgerichtet übernommen haben. Mit fachlich fundierten und lehrreichen Hintergrundinformationen und Analysen wollen sie die öffentliche Debatte in Deutschland unterstützen. Das erklärt vielleicht den oft lehrhaften Duktus einiger Textpassagen.
Nicht allein diejenigen, die sich direkt mit Problemen der Zuwanderungs- und Integrationspolitik beschäftigen, werden das Anliegen dieses Buches zu schätzen wissen.

M. Jonzeck

Fussnoten:
(1) Die Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin Lamya Kaddor, Mitbegründerin und Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, ist eine bekannte Buchautorin und Publizistin. Eine Besprechung ihres Buches „Muslimisch – weiblich – deutsch!“ aus dem Jahr 2010 erschien bei ARiC. Unter dem Titel „Zum Töten bereit: Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen“ kam vor kurzem das jüngste Buch der Autorin heraus.

(2) Michael Rubinstein, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mühlheim / Ruhr- Oberhausen, ist als Kommunalpolitiker tätig. Wie seine Dialogpartnerin Lamya Kaddor ist er im interkulturellen und interreligiösen Dialog aktiv.