Erreichbarkeit

Zur Zeit haben wir kein Büro. Sie erreichen uns per E-mail, bitte geben sie dabei eine Rückmeldemöglichkeit an: Kontakt

Sie möchten unser Engagement unterstützen?

Kleijwegt, Margalith:
„Schaut endlich hin!“ : wie Gewalt entsteht – Bericht aus der Welt junger Immigranten
/ Margalith Kleijwegt. Aus d. Niederländ. von Rosemarie Still. Mit e. Nachw. von Christine Henry-Huthmacher. – 1. Aufl. – Freiburg i. Breisgau : Herder Verl., 2008. – 189 S.
ISBN 978-3-451-29823-3

Die niederländische Journalistin Margalith Kleijwegt beschäftigt sich in ihrer Arbeit vor allem mit den wachsenden Problemen der multikulturellen Gesellschaft. Von 2003 bis 2004 recherchierte sie im Stadtteil Slotervaart in Amsterdam West, jenem Migrantenviertel, dem auch Mohammed Bouyeri, der Mörder des Filmemachers Theo van Gogh, entstammte.
Kleijwegt begab sich dort ins Calvijn met Junior College, einem sogenannten „schwarzen“ Oberstufenzentrum, an dem Schüler mit Migrationshintergrund – die meisten marokkanischer, türkischer oder surinamischer Herkunft - mit über 90% die Majorität bilden. Ein Jahr lang begleitete sie eine Schulklasse mit 13- bis 14jährigen Jugendlichen, in der sich gerade eine einzige niederländische Schülerin befand. Die Autorin führte nicht nur mit den Schülern intensive Gespräche, sie besuchte – sofern es sich ermöglichen ließ – auch deren Familien, sprach mit Eltern, Geschwistern, Großeltern und konnte in ihrem Buch so ein realistisches Bild abseits der gängigen Vorurteile, aber auch jenseits weltfremder Multikultiromantik zeichnen. Diese Realität ist ernüchternd und Kleijwegts Report führt die jahrelangen Versäumnisse einer verfehlten Integrationspolitik vor Augen. Die Jugendlichen, konfrontiert mit dem trostlosen Alltag an einer „schwarzen“ Schule und der damit einhergehenden Perspektivlosigkeit für ihr späteres Leben, empfinden sich als Bürger zweiter Klasse, als Bewohner einer abgeschotteten Parallelwelt; viele flüchten sich in Resignation, manche in Drogen, andere fallen durch Gewalttätigkeiten auf. Und je mehr der Weg aus dieser Parallelwelt hinaus verbaut wird, um so stärker identifizieren sich viele der Befragten mit diesem Zustand, was zwangsläufig zu einer fortschreitenden Ablehnung der „normalen“ niederländischen Gesellschaft führt. Die Eltern erscheinen meist hoffnungslos überfordert: Viele von ihnen beherrschen die niederländische Sprache nur unzureichend, befinden sich in prekären Arbeitsverhältnissen oder sind arbeitslos. Die Probleme ihrer Kinder wollen sie oftmals nicht wahrhaben, flüchten sich stattdessen in ein häusliches Scheinidyll und unrealistische materielle Träume. Auch sie empfinden sich als Heimatlose und natürlich hat fast jeder der Befragten schon Erfahrungen mit alltäglicher Diskriminierung gemacht - so auch einige Familien, die dieses Ghettodasein gern gegen ein Leben in einer anderen Wohngegend eintauschen würden und sich für ihre Kinder bessere Schulen wünschen. Die Rolle des Islams sieht Margalith Kleijwegt in diesem Kontext kritisch. Zwar stellt dieser für viele eingewanderte Muslime durchaus eine Stütze dar und das Beispiel eines Jugendlichen, der in einem islamischen Internat untergebracht wurde, zeigt, dass sich dessen schulische Leistungen in der Folge stark verbesserten. Doch zugleich werden die Heranwachsenden nicht selten unter dem Deckmantel der Religion mit fundamentalistischen Ideologien, antisemitischer Hetze und Verachtung für westliche Werte und Lebensart infiltriert. Dabei ist vor allem auch die Rolle arabischer Satellitensender wie z. B. Iqra TV nicht zu unterschätzen. Nach dem Mord an Theo van Gogh im November 2004 reagieren die meisten Schüler auf diese Tat mit Verständnis bis hin zu offener Zustimmung. Dies ist erschütternd und keinesfalls zu verharmlosen, anhand der vorab geschilderten Fakten jedoch nicht wirklich überraschend. 
In einigen Rezensionen ist Margalith Kleijwegt dafür kritisiert worden, dass sie keine neuen Lösungsvorschläge bietet und stattdessen einfach nur für mehr Aktivität und Verantwortungsbereitschaft von allen Seiten plädiert – aber ist das so verkehrt? Über das Scheitern und Gelingen von Integration sind inzwischen Berge von Büchern geschrieben worden, von denen viele die Problematik nur von einer abgehobenen akademischen Warte betrachten. „Schaut endlich hin!“ zeigt die Wirklichkeit, unangenehm und oft auch schmerzhaft, dabei aber nie denunzierend oder einseitig wertend und dementsprechend fällt auch das Schlusswort der Autorin aus: „Kräfte bündeln und die Probleme praktisch angehen. Daran glaube ich mehr als an die x-te Problemstudie oder an das x-te Sozialprojekt für Immigrantinnen oder für entgleiste Jugendliche.“

Thomas Wagner