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Junge Muslime in Deutschland : Lebenslagen, Aufwachsprozesse und Jugendkulturen / Hrsg. Hans-Jürgen von Wensierski; Claudia Lübcke. - Opladen & Farmington Hills : Verl. Barbara Budrich, 2007. - 360 S. : Tab., graph. Darst.
ISBN 978-3-86649-056-7

Junge muslimische Migranten der zweiten und dritten Generation stehen in den westlichen Gesellschaften zunehmend im Zentrum gesellschaftspolitischer Diskurse. Dabei dominieren jedoch oft Reizthemen wie militanter Islamismus, Zwangsheirat und Ehrenmorde, was nicht selten zu einer Stereotypisierung führt.
Der vorliegende Sammelband beschäftigt sich nun auf sachliche Art mit den Lebenslagen, Alltagskulturen und der Sozialisation junger Muslime in Deutschland. 
Dabei soll diese Zielgruppe nicht wie in anderen Studien in erster Linie als Bestandteil der Migranten in Deutschland bzw. über ihre Religion identifiziert werden. Ziel ist es vielmehr, „die jungen Muslime als selbstverständlichen Teil einer pluralistischen Jugendpopulation in Deutschland zu fassen" (S. 8) und eine differenzierte Analyse zu ihren Lebensumständen zu erarbeiten. Dies geschieht mittels Sozialstrukturanalysen, einschlägigen Forschungsergebnissen und Befunden qualitativer Studien aus Jugendforschung, Biografieforschung und religionsorientierter Forschung. Ausgangspunkt dafür ist ein im Oktober 2006 an der Universität Rostock initiiertes DFG-Forschungsprojekt zum Thema „Junge Muslime“. Die Befunde basieren auf 80 Interviews und 4 Gruppendiskussionen mit Muslimen zwischen 20 und 30 Jahren, die in Deutschland geboren wurden bzw. hier aufgewachsen sind.
Der Band enthält 16 Beiträge, die sich in folgende 6 Hauptkapitel gliedern: „Grundlagen“, „Orientierungsmuster junger Muslime“, „Religion und Religiosität“, „Sozialisation und Bildung junger Muslime“, „Lebensentwürfe und Jugendkulturen“ und „Soziale Probleme“. Seit dem Jahr 2000 wird bei in Deutschland lebenden Muslimen ein Anstieg religiös-konservativer Einstellungen konstatiert, allerdings dominiere weiterhin eine laizistische Orientierung. Auf einen stärkeren Hang zum Fundamentalismus lasse sich kein Hinweis finden. Die Untersuchungen der sozialstrukturellen Lebenslagen und der Strukturen der Jugendphasen junger Muslime scheinen zunächst in vielen Punkten bisherige Erkenntnisse zu bestätigen. So sind z. B. junge türkische Muslime im Gegensatz zu gleichaltrigen Deutschen nach wie vor oft geringer qualifiziert, meist verheiratet und haben Kinder. Sie fühlen sich heimatlos und können weder für Deutschland noch für ihre Herkunftsgesellschaft ein Zugehörigkeitsgefühl aufbringen. Dennoch lässt sich in manchen Punkten – allerdings stark abhängig vom Herkunftsmilieu - auch ein Wandel attestieren, vor allem bei jungen türkischen Mädchen, die inzwischen weitaus mehr Selbstbewusstsein entwickeln und in zunehmendem Maße auch höhere Bildungsabschlüsse erwerben. Traditionelle Familienorientierung, Geschlechterordnung und Moralvorstellungen können sich für diesen Prozess allerdings als Hindernisse herausstellen. Religiosität muß die Bildungs- und Integrationschancen hingegen nicht zwangsläufig negativ beeinflussen. So wird analytisch aufgezeigt, dass inzwischen viele muslimische Familien bemüht sind, traditionelle Familienkonzepte mit westlicher Lebensführung zu kombinieren.
Der Band offeriert ein umfassendes Bild vom Leben junger Muslime in Deutschland. Alltagsumstände und soziale Bedingungen, Freizeitverhalten und Mediennutzung, Moralvorstellungen (hier auch die Sexualmoral und das Verhältnis zur Homosexualität) und individuelle Werte werden ebenso beleuchtet wie die nach wie vor präsente soziale Benachteiligung und Diskriminierung junger türkischstämmiger Muslime. 
Literaturangaben zu jedem der 6 Hauptkapitel sowie ein Autorenverzeichnis.

Thomas Wagner