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Juden in Deutschland - Deutschland in den Juden : neue Perspektiven / Hrsg. Y. Michal Bodemann; Micha Brumlik. – Göttingen : Wallstein Verl., 2010 - 294 S.
ISBN 978-3-8353-07080-3

Die Geschichte des deutschen Nachkriegsjudentums hat bisher viele Phasen durchlaufen und eine „aufregende neue Entwicklung" (S. 11) genommen. Zwanzig Jahre nach dem Beginn der Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion habe sich, so Doron Kiesel, die Landschaft der jüdischen Gemeinden in Deutschland weitgehend verändert. „Quantitativ gestärkt und mit einer Zukunftsperspektive versehen, sind Juden in Deutschland heute bei all den ... Problemlagen Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Bundesrepublik Deutschland geworden ...". (S. 166)
Nimmt die Umgebungsgesellschaft diesen Wandel überhaupt wahr? Herausgeber und Autoren dieses programmatischen Sammelbandes gehen jedenfalls davon aus, dass öffentlich inszenierte Erinnerungsrituale und ihre entsprechende Präsenz in den Medien allein noch keine wirklichen Kenntnisse und Einsichten über und in die jüdische Realität hierzulande vermitteln können. Es liegt deshalb in ihrer Absicht, möglichst viele Seiten der deutsch-jüdischen Gegenwart so transparent zu machen, dass sich auch Nichtjuden über die offizielle Kommunikationsebene hinaus ein einigermaßen konkretes Bild der Vorgänge machen können. Um diesem Ziel so nahe wie möglich zu kommen, werden namentlich bekannte und weniger bekannte Autoren aufgeboten, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln, oft kritisch und polemisch zugespitzt, in jedem Fall aber realitätsbezogen über die gegenwärtige Situation jüdischen Lebens in Deutschland schreiben.
Welche Veränderungen haben sich in den letzten dreißig bzw. zwanzig Jahren vollzogen? Und welche Faktoren waren dafür maßgebend? Nachdrücklich weisen die beiden Herausgeber im Vorwort darauf hin, dass die jüdische Gemeinschaft heute nicht mehr so monolithisch ist, wie es noch in den 1980er-Jahren schien. Zudem sei sie weder politisch, kulturell noch religiös homogen, was nicht zuletzt in den öffentlich ausgetragenen Debatten über die Rolle Israels, über Israelkritik, Zionismus und Antisemitismus zum Ausdruck kommt. Auch dieser Band mit seinen fast vierzig wissenschaftlichen, literarischen und journalistischen Beiträgen (Anmerkung: nicht alle Texte sind Erstveröffentlichungen) dient als Indikator deutsch-jüdischer Streit- und Debattenkultur.
Bedingt durch den Generationswechsel und die russisch-jüdische Einwanderung habe sich eine reiche Palette jüdischer Lebensstile entwickelt. Es vollzog sich ebenfalls ein von der großen Öffentlichkeit kaum beachteter Mentalitätswechsel in der Erinnerungskultur.
Geändert hat sich von Grund auf die jüdische Demographie in Deutschland. Laut Statistik gibt es zurzeit etwa 110 000 registrierte Gemeindemitglieder, davon etwa 95 000 Neuzuwanderer. (S. 160). Insgesamt kamen bislang etwa 250 000 russischsprachige Zuwanderer nach Deutschland. (S. 161) Das sind rund neunzig Prozent der in Deutschland lebenden Juden. (S. 206)
Im Rahmen des Themenangebots dieses Buches, Folgeband bereits erschienener Publikationen zur Geschichte der Juden im Nachkriegsdeutschland, nimmt die Integration jüdischer Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion einen verdient breiten Raum ein. Autoren wie S. Lagodinsky, D. Belkin, D. Kiesel, L. Gorelik und L. Melamud setzen sich ausschließlich mit diesem nicht ganz unproblematischen Abschnitt deutsch-jüdischer Wirklichkeit auseinander. Aber auch andere Autoren, die sich zu Themen wie „Religiöser Pluralismus“, „Israel und Deutschland“, „Identitäten“ und „Der Zukunft zugewandt“ äußern, bringen mit der Zuwanderung verbundene Veränderungen und „Integrationsfallen“ (S. 159) zur Sprache.
Wie deutsch sind die Zuwanderer? Bewirkt die Einwanderung russischer Juden eine Renaissance jüdischen Lebens und jüdischer Kultur in Deutschland? Gibt es noch ein authentisches deutsches Judentum? Folgt man Julius H. Schoeps in seinem Beitrag unter dem bezeichnenden Titel „Das (nicht-)angenommene Erbe“, wird deutlich, dass durch die russisch-jüdische Zuwanderung doch wieder so etwas wie ein neues deutsches Judentum entstehen könne, dessen Gestalt man heute noch nicht umreißen kann. „Fest steht nur, dass es seine geistig-kulturellen Wurzeln nicht in Deutschland, sondern in Osteuropa haben wird.“ (S. 252) Das Fazit dieser Überlegungen: „Ein authentisches deutsches Judentum existiert in Deutschland nicht mehr.“ (S. 257)
Der Sammelband „Juden in Deutschland – Deutschland in den Juden“ ist eine aktuelle Lagebeschreibung von großem Informationswert, eine Fortschreibung deutsch-jüdischer Nachkriegsgeschichte und somit Lesestoff für Juden wie für Nichtjuden.
Verzeichnis der Erstveröffentlichungen; Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren.

M. Jonzeck