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Juden in Charlottenburg : ein Gedenkbuch / Hrsg. Verein zur Förderung des Gedenkbuches für die Charlottenburger Juden. – 1. Aufl. – Berlin : text verl. edition Berlin, 2009. – 456 S. : Abb.
ISBN: 978-3-938414-50-7

Das Gedenkbuch für die Charlottenburger Juden, jüngste Veröffentlichung in der Reihe bisher erschienener Zeugnisse öffentlicher Erinnerung aus anderen Berliner Bezirken, ist ein Dokument gegen das Vergessen. Auf der Grundlage einer breiten und allem Anschein nach sorgfältig aufgearbeiteten Quellenbasis nimmt es die Spurensuche nach Namen und Schicksalen jener Charlottenburger Jüdinnen und Juden auf, deren Leben von den Nationalsozialisten ausgelöscht wurde. „Fast 6.200 Charlottenburger sind Opfer des Rassenwahns der Nationalsozialisten geworden. 190 von ihnen waren bei Beginn der Deportationen 14 Jahre und jünger.“ (S. 89)
Herausgeber dieses inhaltlich vielgestaltigen Werkes ist der Verein zur Förderung des Gedenkbuches für die Charlottenburger Juden e.V.. Besonders der Initiative und Tatkraft des Gründungsmitglieds Wolfgang Knoll sei es zu verdanken, so die Bezirksbürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf in ihrem Grußwort, dass dieses Buch erscheinen konnte. (S. 9) W. Knoll ist auch der Verfasser einiger Buchbeiträge und war maßgeblich an der Bearbeitung der Gedenkliste mit den Namen und Daten der ermordeten Juden beteiligt. Diese Liste ist das Kernstück des Gesamtvorhabens.
Dem Band kommt mehr als nur eine lokalgeschichtliche Bedeutung zu. Der geschichtsträchtige Altbezirk war in den 1920er und 1930er Jahren neben Wilmersdorf*  der Ort mit dem höchsten Anteil jüdischer Bevölkerung in Berlin (S. 13) und zudem Standort deutschlandweit tätiger jüdischer Vertretungen, Institutionen und Selbsthilfe-Organisationen. In Charlottenburg lebten und wirkten bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 zahlreiche bekannte Wissenschaftler, Künstler und Mäzene, darunter jüdische Persönlichkeiten wie Walter Benjamin, Magnus Hirschfeld, Bruno Cassirer, Tilla Durieux, Else Ury, Max Reinhardt, Rudolf Nelson, Kurt Weill und Erich Mendelsohn. Auch die Lebensgeschichte des 2007 verstorbenen Sammlers und Kunsthändlers Heinz Berggruen ist eng mit Wilmersdorf und Charlottenburg verbunden. Was jüdisches Leben in diesem Zeitraum sowohl für Charlottenburg als auch für ganz Berlin bedeutete, vermittelt K.-H. Metzger in seinem kulturhistorischem Abriss „Juden in Charlottenburg“.
Die meisten Beiträge des Bandes setzen sich entsprechend der Zielsetzung des Fördervereins mit den Folgen des mörderischen Antisemitismus für Existenz und Leben der Juden auseinander. Mit welchen antijüdischen Sondergesetzen die Nationalsozialisten ihre Verbrechen „legalisierten“, demonstriert die von W. Knoll und B. Saß zusammengestellte Zeittafel mit Gesetzen, Verordnungen und Anordnungen, die in den Jahren 1931 bis 1945 erlassen wurden.
Im Zentrum des Gedenkbuches stehen der umfangreiche Erinnerungsteil mit persönlichen und teils sehr ergreifenden Lebensberichten, Zeitschilderungen, Briefen und Fotos ehemaliger Charlottenburger sowie das Namenverzeichnis derer, die der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie nicht entkommen konnten und ihr Leben verloren. Die Gedenkliste verzeichnet die Namen von über sechstausend Juden, darunter auch Christen jüdischer Herkunft. Sie erfasst die Geburts- und Todesdaten dieser Menschen, ihre letzte Anschrift sowie Angaben zur Deportation. Die Liste der Toten ist alphabetisch „nach den zum Zeitpunkt der Volkszählung 1939 gültigen Straßennamen und Hausnummern geordnet.“ (S. 265) Ausdrücklich weisen die Herausgeber darauf hin, dass die Liste nicht vollständig sein kann.
Eine historische Betrachtung von Andreas Nachama über „Charlottenburg – Zentrum jüdischen Lebens in Berlin 1945 – 2009“ lenkt den Blick des Lesers auf die Gegenwart.
Das Gedenkbuch, ein Beispiel überzeugender Erinnerungsarbeit, setzt sich aktiv mit der NS-Vergangenheit in Charlottenburg auseinander und ergänzt die neuere Geschichte Berlins um wesentliche Einblicke und Fakten. Es besitzt hohen Informationswert.
Quellen und Literaturhinweise nach jedem Kapitel; ausführliche Anmerkungen am jeweiligen Seitenrand. Im Anhang: Literaturempfehlungen und Bildnachweis.

*Berlin Wilmersdorf : die Juden – Leben und Leiden. / hrsg. Von Udo Christoffel. – Berlin : Kunstamt Wilmersdorf, 1987. – 336 S.

M. Jonzeck