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Blumenthal, W. Michael:
In achtzig Jahren um die Welt : Mein Leben
/ W. Michael Blumenthal. – Berlin : Propyläen, 2010. – 569 S. : 31 Fotogr.  
Aus dem Engl. übers.
ISBN 978-3-549-07374-2

Mit zahlreichen Gästen aus aller Welt feierte das Jüdische Museum Berlin im Oktober dieses Jahres sein zehnjähriges Bestehen. Seit seiner offiziellen Eröffnung im September 2001 haben über sieben Millionen Menschen den berühmten Libeskind-Bau besucht. An der Spitze des Hauses steht Professor W. Michael Blumenthal. „Das Jüdische Museum zu leiten, ist der beste Job, vor allem jetzt, im Herbst meines Lebens“, äußerte er jüngst in einem Interview in der Berliner Zeitung vom 15./16. Oktober 2011.
Wir nehmen das zehnjährige Jubiläum des Jüdischen Museums und das erfolgreiche Wirken seines Direktors zum Anlass, um im vorliegenden Buchtipp die politischen Memoiren Blumenthals „In achtzig Jahren um die Welt“ vorzustellen. Passagen des Buches, in denen sich der Autor dezidiert mit Fragen der Migration, Integration und Identität im Einwanderungsland Deutschland sowie mit den deutsch-jüdischen Verhältnissen auseinandersetzt, stehen dabei im Mittelpunkt.  
Als Deutscher geboren und seit mehr als sechzig Jahren Amerikaner, erzählt Blumenthal, beginnend mit den dreißiger Jahren, von Ereignissen und Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, wie er sie persönlich aus dem Blickwinkel des engagierten Beobachters und Akteurs „an der Seite von Weltführern und Entscheidungsträgern“ (S. 17) erlebt hat. Seine scharfsinnigen Zeitbetrachtungen verbinden sich mit Einsichten und Denkanstößen, die bis heute nichts von ihrem Wahrheitsgehalt verloren haben, unter anderem folgende Erkenntnis aus den Berliner Jahren unter dem NS-Regime: „Ich hatte erfahren, dass moralischer Mut eine seltene Eigenschaft ist und öffentliche Feigheit und die Neigung, Ungerechtigkeit gegenüber anderen zu dulden, tief in uns verwurzelt sind … Mir wurde eine wertvolle Lektion zuteil über die Vergänglichkeit der eigenen Existenz, die Kurzlebigkeit von gesellschaftlicher Stellung und materiellem Besitz und die Gefahr eines darauf gegründeten Stolzes.“ (S. 94)
In vieler Hinsicht ist das bewegte Leben des 1926 in Oranienburg als Sohn einer angesehenen deutsch-jüdischen Familie von Landbankiers Geborenen ein Spiegel der Höhen und Tiefen des 20. Jahrhunderts (S. 15).* 
Seit 1929 lebte die Familie Blumenthal in Berlin. Zehn Jahre später, 1939, floh sie nach Schanghai. Die harten Flüchtlingsjahre in Schanghai von 1939 bis 1947 prägten, wie Blumenthal wiederholt hervorhebt, seine politische Anschauung als „überzeugter Sozialliberaler“ (S. 109) sowie sein lebenslanges Interesse an öffentlichen Angelegenheiten. Hier dürfte auch der Grund für seine intensive Auseinandersetzung mit der Einwanderungsproblematik und dem Status von Minderheiten zu suchen sein.
Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges emigrierte der staatenlose Flüchtling in die USA. Blumenthal studierte, promovierte und lehrte in Princeton, New Jersey. Danach bekleidete er hohe Posten in Wirtschaft und Politik, unter anderem als US-Finanzminister im Kabinett Jimmy Carters. Antrieb für diese amerikanische Karriere war nach Blumenthals eigenem Bekunden „hauptsächlich die Erinnerung an die Ängste und Frustrationen der Flüchtlingsjahre, an das ohnmächtige Gefühl, das eigene Leben nicht selbst bestimmen und gestalten zu können und nicht die Chance zu haben, sich zu beweisen und dafür anerkannt zu werden.“ (S. 431)
Am Ende seines langen und abwechslungsreichen Berufslebens wurde Blumenthal 1997 zum Gründungsdirektor eines geplanten eigenständigen Jüdischen Museums in Berlin berufen. So kehrte er wieder in das Berlin seiner Jugend zurück. Über seine Tätigkeit als designierter Direktor und die äußert komplizierte Gründungsgeschichte dieser Einrichtung berichtet er authentisch und anschaulich im Schlusskapitel „Die neunziger Jahre“. Weitere thematische Schwerpunkte dieses Kapitels sind die deutsch-jüdischen Verhältnisse und die aktuelle Situation von Minderheiten in Deutschland. Wertet Blumenthal die Geschichte des Jüdischen Museums Berlin als „ein herausragendes Zeichen für die einzigartige Situation der Juden in der zeitgenössischen bundesrepublikanischen Gesellschaft“ (S. 509), betrachtet er die deutsch-jüdischen Verhältnisse hingegen ohne Illusion. Das Verhältnis zwischen den jüdischen und nichtjüdischen Deutschen nach dem Krieg sei zumeist ambivalent und nie ganz frei vom Bezug auf die Vergangenheit gewesen. (S. 525) In diesem Zusammenhang macht er auf eine merkwürdige Zuschreibung von Identität aufmerksam: Ein in Deutschland lebender Jude werde zuerst und vor allem als Jude wahrgenommen und erst dann als Deutscher. Das bedeutet, dass seine Identität als Deutscher in Frage gestellt und ihm eine Sonderstellung zugeschrieben wird.
Den gegenwärtigen Ausnahmestatus, den Juden in Deutschland genießen sowie die damit verbundene Neigung vieler Nichtjuden, das Jüdischsein und die deutsch-jüdische Vergangenheit zu idealisieren, hält Blumenthal für sehr problematisch: „Ironischerweise ist es gerade die gegenwärtige einzigartig geschützte und bevorzugte Stellung der Juden, die ihre Absonderung festzuschreiben droht, und dieser Zustand ist für sie in Deutschland stets eine Falle gewesen“. (S. 512) Er dringt auf mehr Offenheit und Ehrlichkeit im Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden.
Das deutlich spürbare Widerstreben, Minderheiten als vollgültige Mitbürger anzuerkennen, stellt sich für Blumenthal als ein typisch deutsches Problem dar. (S. 516) Es zeige sich nicht nur an der schwierigen Identität der Juden, sondern auch an dem unklaren Status der in Deutschland lebenden, ja selbst hier geborenen Türken. Auch sie werden von vielen Deutschen zuerst als Türken und erst danach als Deutsche angesehen. Sie bleiben Ausländer oder Bürger mit Migrationshintergrund. Blumenthal macht deutlich, dass eine solche Zuschreibung von Identität die Integration der Deutsch-Türken in die Gesellschaft erschwert und zudem „eine tragische Vergeudung einer wertvollen Bevölkerungsressource“ (S. 516) darstellt. Die Mehrheitsgesellschaft, so seine Schlussfolgerung, müsse sich endlich darauf einstellen, „alle Minderheiten in ihrer Mitte, einschließlich der Juden, als Deutsche anzuerkennen, nicht auf der Grundlage von ,Blut’, Religion oder Volkszugehörigkeit, sondern auf der Grundlage einer gemeinsamen Staatsbürgerschaft“. (S. 526)
Die Memoiren Blumenthals sind ein sachliches wie überzeugendes Plädoyer für die Zukunftschancen von Einwanderung in einer globalisierten Welt.
Anmerkungen; Personenregister.

*: Die Familie Blumenthal besitzt einen bis ins Brandenburg des 17. Jahrhunderts zurückreichenden Stammbaum mit berühmten und bekannten Namen wie Rahel Varnhagen, Giacomo Meyerbeer und Arthur Eloesser. In seinem 1999 bei Hanser erschienenen Buch „Die unsichtbare Mauer“ schildert W. Michael Blumenthal die dreihundertjährige Geschichte seiner deutsch-jüdischen Familie.

M. Jonzeck