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Gauß, Karl-Markus:
Die Hundeesser von Svinia
/ Karl-Markus Gauß. - Wien : Zsolnay, 2004. - 114 S.
ISBN 3-552-05292-5

Der mit renommierten Literaturpreisen ausgezeichnete österreichische Schriftsteller Karl-Markus Gauß (geb. 1954) bereiste zwischen 2001 und 2003 mehrfach die Slowakei. Er machte sich auf die Suche nach Geschichte und Gegenwart der dort lebenden Roma. In der Slowakischen Republik leben Schätzungen zufolge etwa 400.000 bis 500.000 Roma. Dies entspreche etwa 9% der Gesamtbevölkerung.*
In seiner literarischen Reportage berichtet Gauß mit Empathie über die im Elend lebenden Roma in der Ostslowakei. Auf dem Weg zu den "Hundeessern von Svinia", einem der fürchterlichsten Roma-Slums, traf er auf abgelegene ländliche Siedlungen, die auf vergifteten Böden ehemaliger Chemiefabriken errichtet worden waren. In dem früheren Neubaugebiet Lunik IX an den Rändern der Großstadt Kosice, das "zum größten Zigeunerghetto Europas verkommen war" (S.18), machte ihn die französische Architektin Marie Poirot mit den besonderen Lebensumständen und -bedingungen der etwa 4000 bis 6000 dorthin zwangsumgesiedelten Roma bekannt.
In Svinia, einem Ort, der jahrzehntelang fast ohne jede Verbindung zur Außenwelt existierte, lebten die Ausgestoßenen unter den Ärmsten der Roma; Menschen, die akzeptiert hatten, "dass sie auf ewige Zeiten Degesi sind, Hundeesser, die von den Roma, die kein Gadsche von ihnen zu unterscheiden vermag, als unrein verachtet und gemieden werden". (S. 107). 
Nachdem internationale und nationale Hilfsorganisationen dieses Roma-Dorf entdeckt hatten, wurde das "Svinia Projekt" gestartet, mit dessen Initiativen versucht werden sollte, die Roma unter Respektierung ihrer Eigenheiten aus dem Elend herauszuführen. In diesem Zusammenhang stellt Gauß fest: "Vielerorts weigerten sich die Roma jedenfalls, diese Lebensweise, sei sie ihnen gemäß oder erst durch die Zerstörung ihrer Kultur entstanden, aufzugeben. Was uns wichtig ist, scheint sie nicht zu stören, was uns stört, ist ihnen selbstverständlich. Man muss sich hüten, die Unterschiede kleinzulügen und zu glauben, sie würden sich mittels großzügiger Förderung kurzfristig wie von selbst aufheben. Solche Toleranz, die die Roma für fähig hält, gerade so zu leben wie wir und unsere ungeschriebenen Gesetze, die Ruhe, Sauberkeit, das Verhalten in der Öffentlichkeit zu respektieren, solche Toleranz ist nämlich gar keine. Toleranz wird erst draus, wenn man hinzunehmen gelernt hat, dass andere anders leben als wir und auch das Recht dazu haben". (S. 69)
Als "Chronist des randständigen Europas" führt Gauß den Leser in seinem 2002 erschienenen dtv Taschenbuch "Die sterbenden Europäer" zu den Sepharden von Sarajevo, Gottscheer Deutschen, Arbereshe, Sorben und Aromunen. In seinem neuesten Reisebuch "Die versprengten Deutschen" ist er unterwegs in Litauen, durch die Zips und am Schwarzen Meer. Es erschien 2005 im Wiener Paul Zsolnay Verlag.

Gisela Jonas

* Slowakei : Massenproteste der Roma : Angehörige der Roma-Minderheit und Polizeikräfte lieferten sich Ende Februar heftige Auseinandersetzungen in der östlichen Slowakei. Auslöser der Proteste war die Ankündigung drastischer Kürzungen der Sozialhilfe. 
in: Migration und Bevölkerung. - Nr. 2/2004. - S. 1-2