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Hilbk, Merle:
Die Chaussee der Enthusiasten : eine Reise durch das russische Deutschland. – 1. Aufl. – Berlin : Aufbau-Verl., 2008. – 284 S. : 21 Abb.
ISBN 978-3-351-02667-7

Zeitgemäß beginnt dieser Roadtrip durch das russische Deutschland im Internet. Auf der Suche nach der russischen CD „Sexy Party“ stößt die Journalistin und Autorin Merle Hilbk (Jahrgang 1969) unvermutet auf ein territorial breit gefächertes russisches Angebot mit fest etablierten Strukturen. Ihr Eindruck: Deutschland ist russischer als man annimmt. Etwa dreieinhalb Millionen Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion und deren Nachfolgestaaten – nach behördlicher Lesart Russlanddeutsche, russische Juden und russische Arbeitsmigranten – leben unter uns. Die meisten von ihnen kamen schon Anfang der neunziger Jahre nach Deutschland.
Fasziniert von dem virtuellen russischen Kosmos kauft sich die Autorin, wie sie launig berichtet, eine Streckenkarte der Deutschen Bahn sowie ein Dutzend Notizbücher und macht sich auf den Weg, um mit dem nötigen Reporterglück das reale russische Deutschland zu erkunden. 
Günstige Voraussetzungen für dieses mutige Vorhaben sind gegeben: Kontakte, russische Sprachkenntnisse und last but not least die eigene russlanddeutsche Verwandtschaft. 
Die Fahrtroute auf der „Chaussee der Enthusiasten“ beginnt in Friedland, der „Erstaufnahmeeinrichtung“ für Russlanddeutsche und endet im brandenburgischen Alt Daber, einem früheren, heute heruntergekommenen Standort sowjetischer Truppen.
Hilbk besucht Baden-Baden, Köln, Hamburg und Berlin sowie andere Orte mit russischer Infrastruktur. Türen öffnen sich zu zahlreichen Kultur-, Sport- und Bildungseinrichtungen, Jugendstrafanstalten (Adelsheim; Rosdorf), Diskos und Bardenclubs (die Autorin outet sich hier als exzellente Kennerin russischer Popkultur). Sie nimmt Verbindung auf zur Kölner Synagogengemeinde und zur Bundesgeschäftsstelle der „Landsmannschaften der Deutschen aus Russland“ in Stuttgart.
Zwischendurch macht sie Station bei ihren Verwandten aus Kasachstan, die in Süddeutschland eine neue Heimat gefunden haben. Am Schicksal dieser Großfamilie wird die Geschichte der Russlanddeutschen besonders lebendig.
Dann reist Hilbk nach Berlin. Verglichen mit anderen Regionen und Orten der Bundesrepublik leben hier die meisten Russen. Mindestens 165 000 der 3,4 Millionen Berliner kamen nach Angaben der Autorin im Verlauf der großen Einwanderungswelle Anfang der neunziger Jahre in die deutsche Hauptstadt, darunter etwa 140 000 Russlanddeutsche, über 10 000 russisch-jüdische Zuwanderer und eine unbekannte Zahl an russischen Künstlern und Fachkräften. (S. 203 u. S. 204) In dieser Stadt leben Traditionen der 1920er-Jahre wieder auf und werden von einer relativ jungen, russischsprachigen Community weiterentwickelt.
Hilbk unternimmt einen spannenden Streifzug durch das russische Berlin in seiner ganzen Vielschichtigkeit. Was hier nicht zustande kam, war ein Interview mit dem Bestsellerautor Wladimir Kaminer, „Oberrusse der Republik“. (S. 219)
Auf ihrer Entdeckungsreise führt die Autorin eingehende Gespräche mit russischsprachigen Zuwanderern über erfüllte und unerfüllte Träume. Zweifel werden manchmal laut: Was bleibt von den eigenen Wurzeln, von Herkunftssprache und 
-kultur? Was ist eigentlich deutsch? (S. 76) Und was sind deutsche Werte? (S. 77) Russisch-jüdische Zuwanderer setzen sich intensiv mit der Frage der jüdischen Identität auseinander. Gruppenübergreifend äußert man sich enttäuscht über die Nichtanerkennung von Hochschul- und Berufsabschlüssen im Aufnahmeland. Russlanddeutsche wie russisch-jüdische Akademiker und hochqualifizierte Fachkräfte sind oft ohne Job beziehungsweise müssen eine Arbeit weit unter ihrer Qualifikation annehmen. Eine Gesprächspartnerin bringt das Problem auf den Punkt: „Der Preis für Auswanderer ist einfach sehr hoch: Du verlierst deinen gesamten Status, du musst wieder bei Null anfangen.“ (S. 160)
Diese Reportage, anregend, verständnisvoll, informativ und nicht ohne Witz, macht einfach neugierig auf das russische Deutschland.
Ein ergänzender Lektüretipp: Fast zeitgleich mit Merle Hilbks Reisebuch erschien im Campus Verlag eine Forschungsstudie „Gelebte Selbstbilder : Gemeinden russisch-jüdischer Migranten in Chicago und Berlin“ von Victoria Hegner. Sie nimmt Berlin als exemplarischen Ort der russisch-jüdischen Einwanderung seit 1990 in den Blick.
M. Jonzeck