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Zwangsverheiratung in Deutschland / Hrsg. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Konzeption u. Redaktion Deutsches Institut für Menschenrechte. – 1. Aufl. – Baden-Baden : Nomos Verl., 2007. – 384 S. – (Forschungsreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ; Bd. 1)
ISBN 978-3-8329-2907-7

Alle Autorinnen und Autoren dieses wissenschaftlichen Sammelbandes stimmen darin überein, dass Zwangsverheiratung eine massive Verletzung der Menschenrechte ist.
Phänomene und Ursachen für Zwangsverheiratungen werden in den Beiträgen des ersten Komplexes aufgedeckt. Rainer Strobel und Olaf Lobermeier werten in ihrer Untersuchung Daten von 331 Mädchen und jungen Frauen aus, die von Zwangsverheiratung betroffen waren. Davon wurden mit 100 Frauen Leitfadeninterviews geführt, die zu biographisch vertiefenden Analysen führten. (S. 30) Sie hatten alle bei der Kriseneinrichtung „Papatya e.V.“, Berlin Hilfe und Unterstützung gesucht. Die Autoren schätzen ein, dass bei einer Zwangsheirat weniger religiöse Motive als vielmehr ein sehr enges Ehrverständnis sowie patriarchalische Familienstrukturen, in denen Ausübung von Gewalt gegen Frauen zum Alltag gehört, eine Rolle spielen.
Necla Kelek und Gaby Straßburger nehmen in ihren Beiträgen Stellung zum Verhältnis zwischen Zwangsheirat und arrangierter Ehe. Für Necla Kelek sind arrangierte und erzwungene Heiraten Ausdruck autoritärer Familienstrukturen sowie Eingriffe in die freie Selbstbestimmung von Frauen und Männern. Gaby Straßburger plädiert hingegen dafür, arrangierte Ehen als legitime soziale Praxis anzuerkennen.
In dem Komplex Geschlechterrollen und Paarbeziehungen hebt Manuela Westphal in ihrem Beitrag „Geschlechterstereotype und Migration“ hervor, dass Themen wie Zwangsverheiratung, Ehrenmorde und Kopftuchstreit zunehmend die öffentliche Debatte um Migration und Integration bestimmen. Sie wendet sich gegen die ihrer Meinung nach stark vereinfachende Auffassung, traditionelle Geschlechterfragen in Migrantenfamilien „als bedrohliche Rückzugs- und Desintegrationstendenzen“ (S. 131) zu betrachten.
Ahmet Toprak beschreibt Geschlechterrollen und traditionelle Geschlechtererziehung in bildungsfernen türkischen Familien. Den Blick richtet er insbesondere auf familiäre Disziplinierungsmaßnahmen mit denen junge türkische Männer zu arrangierten Ehen mit Frauen aus der Türkei gezwungen werden. (s. auch Archiv Buchtipp: Toprak, Ahmet: Das schwache Geschlecht – die türkischen Männer)
Ein weiterer Komplex des Sammelbandes setzt sich mit rechtlichen Rahmenbedingungen und der Reformdiskussion auseinander. Internationale Rechtsinstrumente, die den Vertragsstaaten den Schutz der Menschenrechte von Frauen (und Männern) durch ein Verbot der Zwangsheirat auferlegen (S. 202), werden von Hanna Beate Schöpp-Schilling vorgestellt. Das „Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau“ (CEDAW) steht im Mittelpunkt ihrer Betrachtung. Regina Kalthegener untersucht die Möglichkeiten zur strafrechtlichen Ahndung der Zwangsverheiratung, die den deutschen Gerichten mit dem 37. Strafrechtsänderungsgesetz vom Februar 2005 in den Nötigungsparagraphen gegeben sind.  
Reformbedarf mahnen Dagmar Freudenberg im Aufenthaltsrecht und Seyran Ateş in verschiedenen Bereichen des Zivilrechts an. Wie Swenja Gerhard in ihrem Beitrag über „sozialrechtliche Hindernisse bei der Interventionsarbeit“ hervorhebt, ist für die von Zwangsheirat Bedrohten bzw. Betroffenen das Sozialrecht, insbesondere das Kinder- und Jugendhilferecht relevant.
Der vierte und letzte Komplex des Bandes enthält 6 Beiträge zu Prävention und Intervention. Generell sind sich die Autoren darin einig, dass es notwendig sei, sowohl früh einsetzende Präventionsmaßnahmen und Interventionsprojekte zu entwickeln als auch bundesweit angemessene Beratungs- und Schutzangebote in akuten Bedrohungssituationen bereitzustellen.
Über die Erfahrungen der Schutz- und Kriseneinrichtungen Papatya e.V. in Berlin und agisra e.V. in Köln berichten Corinna Ter-Nedden, Jae-Soon Joo-Schauen und Behshid Najati. Die beiden letzteren stellen das von agisra praktizierte Beratungskonzept zum Thema „Recht auf Selbstbestimmung – gegen Zwangsheirat“ vor.
Barbara Kavemannn plädiert in ihrem Beitrag „Erfahrungen mit Interventionsprojekten zum Schutz von Frauen vor Gewalt“ für eine koordinierte Zusammenarbeit staatlicher Institutionen (Polizei, Justiz, Jugendamt) und nichtstaatlicher Unterstützungseinrichtungen (Frauenhäuser, Beratungsstellen, Kinderschutzeinrichtungen (S. 275).
Über die inneren Prozesse in muslimischen Organisationen – hier die Schura in Hamburg, Rat der islamischen Gemeinschaft e.V. – schreibt Angelika Hassani. Sie hebt hervor: „Was weitgehend in der innermuslimischen Debatte fehlt, ist eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Lebensrealitäten vieler Jugendlicher. Diese bilden das Konfliktpotenzial, das in der Eskalation zu Zwangsverheiratungen oder anderen Formen von Gewalt führen kann.“ (S. 341)
Der vorliegende Band kann zu einem besseren Verständnis des Gesamtproblems der Zwangsverheiratung und ihrer Ursachen beitragen, warnt jedoch zugleich vor Stigmatisierungen gegenüber türkischen Migranten. Wie einzelne Autoren schon hervorhoben, sind die Ergebnisse der Untersuchungen selektiv, da alle Probanten bereits von Zwangsheirat betroffen waren.
Mit Literaturangaben zu den einzelnen Beiträgen und Autorenverzeichnis.

Gisela Jonas