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Schiffauer, Werner: 
Parallelgesellschaften : Wie viel Wertekonsens braucht unsere Gesellschaft? Für eine kluge Politik der Differenz
/ Werner Schiffauer. – Bielefeld: transcript Verl. 2008. - 147 S. - (XTexte)
ISBN 978-3-89942-643-4

In der politischen Debatte in Deutschland spielen die Begriffe „Parallelgesellschaft“ und „Leitkultur“ zunehmend eine wichtige Rolle. Werner Schiffauer greift in seinem Buch diese Begriffe auf und fragt danach, wie „gesellschaftliche Solidarität auch in Situationen kultureller Differenz entsteht und behauptet werden kann.“ (S. 18) Er will zudem nachweisen, dass die Respektierung von Differenz nicht nur wünschenswert, sondern auch umsetzbar ist, und die Potenziale eruieren, die sich mit der Respektierung von Differenz eröffnen.
Im ersten Kapitel umreißt der Autor drei unterschiedliche Positionen in dieser Debatte: Zum einen eine negative Sichtweise auf Stadtteile mit hohem Migrantenanteil, die das Scheitern der Integration voraussagt, zum zweiten eine Position, die „Parallelgesellschaften“ als notwendige „Durchlauferhitzer“ ansieht und daher keinen Anlass zur Beunruhigung sieht, und eine dritte Position, die die Rolle der Mehrheitsgesellschaft bei der Herausbildung von „Parallelgesellschaften“ in den Vordergrund rückt. Schiffauer zeigt sodann die Defizite dieser drei Positionen auf und spricht sich „für einen neuen Realismus, für eine neue Kultur des genauen Hinsehens“ aus. (S. 15) 
Im zweiten Kapitel wird die erste von drei ethnographischen Fallstudien vorgestellt, in der es um den Wertewandel bei türkischen Einwanderern geht. Im Mittelpunkt der ersten Studie stehen ein versuchter Ehrenmord und seine Vorgeschichte sowie die betroffenen Personen und deren Umfeld. Es wird herausgearbeitet, wie Menschen ihr Selbst- und Weltbild entwickeln und welchen Einflüssen sie dabei unterliegen. Dabei stellt er Veränderungen der Wertestruktur in der Migrationssituation fest: Die Ehre verliere ihren zwingenden Charakter und der Freiheitsraum der Familienmitglieder wachse erheblich. Das an Ehre orientierte Handeln „verliert seinen formalen und ritualisierten Charakter“; und „die Meinungen, was denn Ehre nun eigentlich ist, treten infolge all dieser Prozesse immer mehr auseinander“. (S. 40f.) 
Schiffauer schließt aber nicht die Augen vor den Faktoren, die diesem Prozess auch entgegenwirken: Zum einen die Rhetorik der Ehre selbst und ihre kulturellen Schablonen. Diese Mechanismen seien besonders wichtig, wenn es darum gehe, von inneren Problemen in Gruppen abzulenken. Neben der Lebensphase spielten auch „die Jungmännergruppen beziehungsweise Eckensteherkulturen in den Einwanderervierteln“ (S. 43) eine wichtige Rolle. Ebenso bedeutsam seien die Angst vor dem Fremdwerden der eigenen Kinder und nicht zuletzt habe der „anhaltende Nachzug aus der Türkei weitgehende Konsequenzen auf die Entwicklung der Werte“. Der Autor schließt daraus, dass die in den Diskussionen über Parallelgesellschaften gezeichneten Bilder nach diesen Erkenntnissen so nicht mehr haltbar seien, vor allem das von einer geschlossenen kulturellen Welt. (S. 45ff)
Im dritten Kapitel wird die zweite Fallstudie vorgestellt, die die islamischen Gemeinden in der „Parallelgesellschaft“ zum Gegenstand hat. Der Autor geht in diesem Kapitel der Frage nach, ob sie in ihren Stadtteilen eigene Strukturen aufbauen und dort versuchen, ihre eigenen Regeln durchzusetzen. Dazu betrachtet er die Stadtteilarbeit der islamischen Gemeinde Milli Görüş. Aus seinen Beobachtungen gelangt er zu der Erkenntnis, dass es der islamischen Gemeinde gelinge, dem „Abgleiten in Delinquenz, Rauschgift- und Drogenkonsum“ entgegenzuwirken und „die Integration in Schule und Arbeit“ zu fördern. Der Autor folgert daraus, dass von dem Vorwurf, die islamischen Gemeinden würden Parallelgesellschaften einrichten, „nicht viel übrig“ bleibe. Allerdings bleibe die Frage nach der Integration in das politische Feld.“ (S. 83f.) Ob die Bindungskräfte ihr Potenzial entfalteten oder nicht, hänge dabei weitgehend vom Verhalten der Mehrheitsgesellschaft ab. 
Im vierten Kapitel werden die Ergebnisse der dritten Fallstudie vorgestellt, die die „großstädtischen Identifikationen“ untersucht. Das Bekenntnis der zweiten und dritten Migrantengeneration zu Deutschland falle diesen nicht eben leicht. Im Gegensatz dazu stehe aber die generelle Bejahung der Stadt, in der sie leben und die sie als Heimat ansähen. In dieser lokalen Bindung sieht Schiffauer ein großes Potenzial, um sich für die Stadt zu engagieren und verweist beispielhaft auf die Aktion „Drogendealer haut ab“, die von etwa fünfzig Frauen aus Berlin-Kreuzberg initiiert wurde. Durch die Aktivierung dieses Potenzials könne einer zunehmenden Segregation entgegengewirkt werden. Dies erfordere allerdings, dass „Schulpolitik als zentraler Eckpfeiler von Stadtpolitik insgesamt wahrgenommen wird und die bisherigen halbherzigen und weitgehend ineffizienten Maßnahmen durch entschlossene Maßnahmen ersetzt werden.“ (S. 106) 
Im fünften Kapitel beschäftigt sicht der Autor mit dem Zusammenhang zwischen Kultur und Integration. Dazu setzt er sich mit verschiedenen Facetten des Kulturbegriffs auseinander und stellt fest, dass Handlungen und Prozesse für Kultur entscheidend seien. Als Prozesse sieht er zum ersten die Entfaltung gemeinsamer Normen, Werte und Deutungsmuster, zum zweiten eine Rückwendung auf diejenigen Normen, Werte und Deutungen, die sich bewährt hätten und zum dritten die Gestaltung des Verhältnisses der verschiedenen Bevölkerungsgruppen zueinander. 
In der Frage nach der kulturellen Integration der Migranten kommt Schiffauer zu dem Ergebnis, dass eine kulturell integrierte Gesellschaft sich nicht dadurch auszeichne, dass alle Kulturen und Subkulturen, die sich in ihr finden, ein gemeinsames Merkmal hätten. Wichtiger sei viel mehr, „dass es fließende Übergänge, Überkreuzungen und Überschneidungen“, also eine kulturelle Vernetzung gäbe (S. 119). Nur dann stelle sich ein Gefühl der kulturellen Identität her. Zu der Forderung nach einem gemeinsamen Fundament stellt er fest, dass zum einen große kulturelle Nähe Konflikte nicht lösbarer machten und zum anderen kulturelle Vernetzungen die Chance zu pragmatischen Einigungen bieten würden. 
Im sechsten Kapitel schließlich spricht sich Schiffauer für eine kluge Politik der Differenz aus. „Eine Politik, der an gesellschaftlichem Zusammenhalt liegt, wird einen offenen Austausch mit allen Gruppierungen anstreben, die innerhalb der Gesetzesordnung agieren und sie darüber kommunikativ einbinden.“ (S. 123) Diese „Politik der Einbindung“ nutze das Potenzial von „pluralen kulturellen Zugehörigkeiten und Loyalitäten bei der Gruppe der ‚anderen Deutschen’ und vermeidet Eindeutigkeitszwänge“. (S. 125) 
Im Resümee kommt der Autor schließlich auf die Idee der Leitkultur zurück. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass die Beschwörung gemeinsamer Werte sowie der Notwendigkeit einer Leitkultur und der ständige Hinweis auf Gefahren der Parallelgesellschaft die Chancen der Ausbildung von Gemeinwohlorientierung bei Menschen mit Migrationshintergrund eher verhindert, als dass sie diese befördert. „Gerade wenn man den Gedanken teilt, dass Kultur eine wichtige Rolle für den Integrationsprozess und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt spielt, ist man gut beraten, den Gedanken der Leitkultur aufzugeben und ihn durch den Gedanken der kulturellen Vernetzung zu ersetzen, der in jeder Hinsicht einer offenen und freiheitlichen Gesellschaft angemessener ist.“ (S. 138) 
Werner Schiffauer hat ein kluges, durchweg lesenswertes Buch vorgelegt, das dem Leser überraschende Einsichten liefert und durch seine klare Argumentation überzeugt. Mit Literaturverzeichnis.

Werner Winter