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Interkulturelle Perspektiven für das Sozial- und Gesundheitswesen / Hrsg. Birgit Rommelspacher; Ingrid Kollak. - Frankfurt/Main: Mabuse-Verl., 2008. – 324 S.
ISBN: 978-3-938304-99-0

Vor dem Hintergrund einer sich zunehmend kulturell heterogenisierenden Gesellschaft werden seit den 1980er-Jahren in Deutschland innerhalb einer Reihe wissenschaftlicher Disziplinen differenzierte Interkulturalitätskonzepte hervorgebracht. In der wissenschaftlichen Debatte über das Sozial- und Gesundheitswesen wird seit einigen Jahren die interkulturelle Öffnung dieser Gesellschaftsbereiche diskutiert. Die die aktuelle Diskussion kennzeichnenden Konzepte, Projekte und theoretischen Analysen werden in diesem, von der Psychologie-Professorin Birgit Rommelspacher und der Pflegewissenschaftlerin Ingrid Kollak herausgegebenen Sammelband vorgestellt. Ausgangspunkt der 16 Beiträge dieses Buches ist, so die Herausgeberinnen, „dass Angehörige ethnischer Minderheiten bei der Inanspruchnahme präventiver und unterstützender Hilfen unterrepräsentiert sind, aber überrepräsentiert, wenn es um die ‚Endstationen’ wie Psychiatrie, Frauenhaus und Drogenhilfe geht …“ (S. 7). Die Beiträge des Bandes knüpfen an diese Erkenntnis an und formulieren theoretische und praktische Antworten auf die identifizierten Defizite.
Der Band gliedert sich in drei Abschnitte: „Analysen“, „Konzepte“ und „Projekte“. Die Beiträge des Teil I Analysen können als zusammenfassende Einführung in das Wissenschaftsgebiet des interkulturellen Sozial- und Gesundheitswesens gelesen werden. Der Erziehungswissenschaftler Arndt Nohl hebt hervor, dass, um eine erfolgreiche Integration von MigrantInnen zu fördern, sich die Inklusion von MigrantInnen vor allem durch deren Partizipation, d.h. Teilhabe an Entscheidungsprozessen innerhalb „gesellschaftlicher Funktionssysteme“ (S. 23) auszeichnen muss. Stefan Gaitanides, tätig im Fachbereich „Soziale Arbeit und Gesundheit“ der Fachhochschule Frankfurt, referiert nach einem kurzen Rückblick auf die „Geschichte des Paradigmas der interkulturellen Öffnung“ (S. 23) über Zugangsprobleme von MigrantInnen zu den Sozialen Diensten sowie von deutschen MitarbeiterInnen dieser Einrichtungen zum Klientel mit Migrationshintergrund. Die brandenburgische Integrationsbeauftragte Karin Weiss gibt vor dem Hintergrund des Ansatzes der Lebensweltorientierung von Hans Thiersch einen Überblick über den Umgang mit Fremden in der gegenwärtigen Sozialpädagogik. Paul Mecheril thematisiert die Probleme, die sich aus der Interkulturalisierung der Arbeit mit MigrantInnen ergeben. Kritikpunkte des Konzepts der interkulturellen Kompetenz werden von Diplom-Psychologin und –Pädagogin Maria do Mar Castro Varela aufgeführt, die den Machtaspekt in das Zentrum ihrer Analyse rückt. B. Rommelspacher thematisiert anschließend die Kritische Weiß-Seins-Forschung sowie den Zusammenhang zwischen Interkulturalität und weiteren sozialen Strukturkategorien.
Im Teil II Konzepte gibt David Ingleby, Professor für Interkulturelle Psychologie, einen Überblick über die Hauptelemente des niederländischen Aktionsplans für eine interkulturelle psychosoziale Gesundheitsversorgung und die Entwicklung der holländischen Bewegung der „Interkulturation“. Es folgen Überlegungen von Sabine Handschuck und Hubertus Schröer über Strategien der interkulturellen Öffnung der Sozialverwaltung. Als geeigneter Ansatz wird hier das „Münchner Drei-Säulen-Modell“ skizziert. Brigitte  Wießmeier hebt die Notwendigkeit der Schulung für eine Arbeit im interkulturellen Kontext von MitarbeiterInnen der sozialen Dienste durch Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen hervor. Sie präsentiert Ergebnisse der Wirksamkeitsevaluation von dreizehn von der Autorin geleiteten Weiterbildungsmaßnahmen zum Thema. B. Rommelspachers erklärt in einem zweiten Beitrag, dass die gegenwärtige Praxis der Pflege in Deutschland der interkulturellen Situation der Gesellschaft nicht gerecht wird: Entweder bedient sie sich universalistischer Ansätze und nimmt sie gar nicht zur Kenntnis, oder sie betont die „Andersartigkeit“ von „Anderen“ im Sinne kulturspezifischer Ansätze. Der Text des Sozialwissenschaftlers Jens Friebe beschäftigt sich mit dem Bildungsbedarf der im Bereich der Altenpflege arbeitenden Pflegenden mit Migrationshintergrund, die seit den 1970er-Jahren ein zentrales Beschäftigungspotential der deutschen Altenpflege stellen.
Teil III Projekte zeigt Möglichkeiten der praktischen Umsetzung der angestrebten interkulturellen Transformation. Lediglich S. Gaitanides berichtet hier nicht von einem Projekt. Er führt die Ergebnisse einer vom Autor auf der Basis von Befragungen durchgeführten qualitativen Studie über die Fremd- und Selbstbilder von MigrantInnen und Deutschen ohne Migrationshintergrund auf. Danach stellen I. Kollak und Irina Meyer das Projekt Phaos vor, in dessen Rahmen Arbeitsmaterialien für die schulische Förderung der sozial-emotionalen Entwicklung von Kinderflüchtlingen entwickelt wurden. Als zweites Projekt wird von Aso Agace das Seminarprogramm „Zwischenwelten“ skizziert, das die Durchführung von Wochenendseminaren für kurdische Flüchtlingsfrauen umfasste und der Isolation dieser Frauen entgegenwirken sollte. Ludger Schmidt stellt im Anschluss die Ansätze der von der BOA Jugend- und Drogenberatung angebotenen Drogenhilfe für MigrantInnen vor. Abschließend berichten I. Kollak und Corinna Wiesner-Rau über die Ergebnisse des Qualifizierungsprojekts „MigrantInnen in der Arbeitswelt“, dass zur Aufgabe hatte, „Haushalts- und Pflegehelferinnen nichtdeutscher Herkunft zu qualifizieren“ (S. 306).
Die genannten Beiträge diskutieren mit Bezug auf das Sozial- und Gesundheitswesen viele der zentralen und gängigen Gedanken, Theorien, Ideen und Ansätze der bundesrepublikanischen Interkulturalitätsdebatte. Alle unterstreichen die Notwendigkeit der Reform des Sozial- und Gesundheitswesens hin zu interkulturell geöffneten Lebensbereichen. Dabei heben die AutorInnen einzelner Beiträge immer wieder die Gefahr der Kontraproduktivität unreflektierten interkulturellen Handelns hervor. Als Lösungsansätze des formulierten Ausgangsproblems betonen sie vor allem die direkte interpersonale Kommunikation sowie die Veränderung institutioneller Rahmenbedingungen. Alle Beiträge schließen mit einem Literaturverzeichnis ab und der Anhang enthält ein Verzeichnis der AutorInnen.

Jule Bönkost