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Terkessidis, Mark:
Interkultur
/ Mark Terkessidis. – 1. Aufl. – Berlin : Suhrkamp, 2010. – 220 S. : Abb.
(edition Suhrkamp; 2589)
ISBN 978-3-518-12589-2

Der polemische Essay unter dem programmatischen Titel „Interkultur“ des Psychologen und Publizisten Mark Terkessidis (geb. 1966) greift entscheidend in die gegenwärtige Debatte über Integration und Migration ein.
Seiner Auffassung nach stammen die Konzepte, die auch diesmal zum Thema angeboten werden, aus der Vergangenheit, denn seit dreißig Jahren würden Personen mit Migrationshintergrund als eine Sondergruppe in der Gesellschaft betrachtet, die an die herrschenden Standards herangeführt werden müsse. (S. 47)
„Angesichts des Wandels in der Zusammensetzung des ,Volkes´ ist der rechtliche und soziale Abstand zwischen Einheimischen und Personen mit Migrationshintergrund nicht länger hinzunehmen.“ (S. 8)
An biographischen Beispielen charakterisiert der Autor im 1. Kapitel die Parapolis, ein Gemeinwesen, gekennzeichnet durch kulturelle Vielheit und neue Formen der Mobilität. Nach Terkessidis „ist die Ausgangsfrage für städtische, für metropolitane Politik nicht mehr die nach der ,Eingliederung´, sondern die nach den Voraussetzungen der Partizipation.“
(S. 34)  
Anschließend setzt er sich mit den verschiedensten Konzepten der Integration auseinander. Im „Nationalen Integrationsplan“ der Bundesregierung von 2007 heißt es: Integration baue auf „unseren Wertvorstellungen und unserem kulturellen Selbstverständnis“ auf. (S. 48) Damit werden nach Ansicht des Autors bereits die meisten Menschen mit Migrationshintergrund ausgeschlossen. Die Idee der Angleichung im Begriff der Integration wird abhängig von traditionellen deutschen Normvorstellungen. Terkessidis verwirft dieses Konzept der Integration. Hingegen sieht er in einer gleichberechtigten Teilhabe der Zuwanderer am gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben in Deutschland einen anderen Ansatzpunkt: nicht Angleichung, sondern Chancengleichheit für alle, unabhängig von Geschlecht, sozialer Zugehörigkeit, Herkunft, Alter oder sexueller Orientierung. Das vorherrschende Konzept der Integration stehe der Realisierung von Chancengleichheit entgegen.
Der Autor plädiert für ein Programm der Interkultur, in dem das Individium frei von seiner Ethnizität betrachtet wird. Ausführlich erörtert er das Thema Ethnizität und Rassismus. Er hält fest, dass in der Kommunikation mit Migranten die Frage nach der Herkunft häufig mit Unterstellungen verbunden ist: „eine Person gehöre eigentlich ,woanders´ hin, ist zumeist mit weiteren Unterstellungen über die Natur dieses ,Woanders´ verbunden.“ (S. 83) An Beispielen aus dem Schulalltag zeigt der Autor, wie Kindern mit Migrationshintergrund durch das Abfragen von Herkunftswissen das Gefühl vermittelt wird, nicht dazuzugehören, fremd zu sein. In diesem Zusammenhang geht es seiner Ansicht nach beim Thema Rassismus  „nicht um ,Feindlichkeit´ gegenüber ,Fremden´, sondern vielmehr um einen gesellschaftlichen ,Apparat´, in dem Menschen überhaupt erst zu Fremden gemacht werden.“ (S. 88)
Mit seinem Programm der Interkultur will Terkessidis „ein konzeptionelles Gerüst im Hinblick auf die Veränderung von Institutionen und Politiken“ entwickeln. (S. 132) Darin geht es nicht wie im Multikulturalismus um die Anerkennung von kulturellen Identitäten, sondern um die Umgestaltung der Institutionen im Hinblick auf die neue Vielfalt der Gesellschaft. „Die Institutionen sollten nicht länger auf Gleichheit im Sinne der Anpassung an eine Norm drängen, sondern auf die prinzipielle Wertschätzung von Unterschiedlichkeit.“ (S. 139) Kernpunkt seines Programms der Interkultur: Veränderung der Institutionen mit Blick darauf, „dass sie den Individuen, egal welche Unterschiede sie mitbringen oder ihnen zugeschrieben werden, Barrierefreiheit ermöglichen.“ (S. 141) Doch dafür scheint die Zeit noch nicht reif zu sein. Anmerkungen zu jedem Kapitel.

Gisela Jonas