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Die Sarrazin-Debatte : eine Provokation – und die Antworten / Hrsg.: Patrik Schwarz und Zeitverl. – 1. Aufl. – Hamburg : Edel Germany, 2010 - 253 S.
ISBN 978-3-8419-0071-5






Sarrazin : eine deutsche Debatte / hrsg. von Deutschlandstiftung Integration. – 2. Aufl. – München : Piper Verl., 2010 - 238 S.
ISBN 978-3-492-05464-5





Thilo Sarrazin, ehemaliger Berliner Finanzsenator, ehemaliger Bundesbanker, nach wie vor Mitglied der SPD und mittlerweile zum Bestsellerautor avanciert, erreichte mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ innerhalb kürzester Zeit eine geradezu beispiellose Medienaufmerksamkeit. Dass er dabei keine konstruktiven Lösungsmöglichkeiten für zweifellos vorhandene Probleme anzubieten hat und die von ihm immer wieder beschriebenen „Realitäten“ nicht einmal ansatzweise aus eigener Lebenserfahrung kennt, dürfte eigentlich bereits seit seiner Berliner Senatorenzeit klar sein. Dem  Medienhype tat der offensichtliche soziale Kompetenzmangel jedoch keinen Abbruch. BILD, Der Spiegel, DIE ZEIT überboten sich darin, dem selbst ernannten „Integrationsexperten“ größtmögliche Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen – ob man ihn nun als Verkünder „unbequemer Wahrheiten“ feierte oder sich in politisch korrekter Pose kritisch und betroffen seinen kruden Thesen widmete. Den  Auflagenzahlen wird die ausgiebige Beschäftigung mit Sarrazin kaum geschadet haben. Und so erscheint es naheliegend, dass inzwischen (obwohl das Rauschen im deutschen Blätterwald noch längst nicht abgeklungen ist) auch die ersten Kompilationen journalistischer Sarrazinbegleitung in Buchform publiziert werden.

„Die Sarrazin-Debatte – Eine Provokation – und die Antworten“ bietet mit chronologisch geordneten Beiträgen und Interviews aus fast vier Jahrzehnten einen umfassenden Überblick über die Sarrazin-Debatte, wie sie in der ZEIT stattfand: Beginnend mit der Besprechung eines Buches aus dem Jahr 1974, bei dem Sarrazin als Koautor fungierte, über eigene Beiträge Sarrazins aus den 80er- und 90er- Jahren, bis zu der Zeit als Berliner Finanzsenator, in der sich der Politiker mehr und mehr als polemisierender Provokateur etabliert. Mit seinen Äußerungen über „Kopftuchmädchen“ und die angeblich durch Migranten verschuldete Verdummung Deutschlands gelang es ihm die Integrationsdebatte um eine neue Qualität des Absurden zu „bereichern“. Doch es brauchte schon die Erwähnung des „Juden-Gens“ (S. 170) in seinem 2010 erschienenen Buch „Deutschland schafft sich ab“, um einen parteiübergreifenden Entrüstungssturm in Politik und Medien zu verursachen. Laut Klappentext soll der Band zu einer „unvoreingenommenen und objektiven Sichtweise und Versachlichung der Diskussion“ beitragen. Das darin gesammelte Material ist als Diskussionsgrundlage durchaus hilfreich. In diesem Zusammenhang seien vor allem die Beiträge „Was heißt hier erblich?“ von Elsbeth Stern und „10 Fragen zur Intelligenz“ von Stefan Schmitt und Ulrich Bahnsen empfohlen, in denen die biologistischen Thesen Sarrazins knapp und wissenschaftlich fundiert ad absurdum geführt werden. 
Das Maß an Aufmerksamkeit, die Deutschlands renommierteste Wochenzeitung diesem Phänomen schenkte, ist jedoch schwer nachzuvollziehen. 

Der von der Deutschlandstiftung Integration herausgegebene Band „Sarrazin – Eine deutsche Debatte“ widmet sich nicht der Person und dem Werdegang Sarrazins, sondern konzentriert sich auf die heftige Mediendebatte in Bezug auf die Veröffentlichung von „Deutschland schafft sich ab“.  Insgesamt 56 Beiträge sind hier gesammelt. Sie stammen aus folgenden Zeitungen und Zeitschriften: Berliner Zeitung, BILD, Cicero, FAZ, Focus, Frankfurter Rundschau, Handelsblatt, Hürriyet, Stern, Neues Deutschland, Spiegel, Süddeutsche Zeitung, taz und Welt und erschienen im Zeitraum vom 26. August bis 14. Oktober 2010.  Ein umfassender Überblick also. Was diese Auswahl so gelungen macht, ist vor allem die breite Meinungspalette, die in diesen Texten reflektiert wird: Sarrazin-Befürworter finden sich neben leidenschaftlichen Gegnern seiner Thesen, pure Polemik neben Sachlichem ebenso wie mal mehr mal weniger gelungene Versuche die Thematik objektiv zu analysieren. Interessant ist in diesem Kontext, dass sich gerade die türkische Boulevardzeitung Hürriyet rhetorisch besonders zurückhält und deren Autor Celal Özcan zu folgendem Fazit kommt: „Es ist höchste Zeit, nicht auf andere zu zeigen, sondern uns selbst Fragen zu stellen“ (S. 106), eine Erkenntnis, die  für alle an der Integrationsdebatte Beteiligten gelten sollte. Bei vielen der für den Band ausgewählten Texte, vermisst  der Leser eine sachliche Auseinandersetzung mit Sarrazins Buch. So attestiert z. B. Ralph Giordano dem Autor, ein „Kenner der Migrations- und Integrationsszene“ zu sein (S. 93), den Beleg (bzw. Verweis auf entsprechende Passagen in „Deutschland schafft sich ab“) bleibt er aber schuldig. Er diagnostiziert stattdessen der muslimischen Minderheit in Deutschland demokratiefeindliche Tendenzen und erklärt die Integration dann zur „Schicksalsfrage der deutschen Geschichte des 21. Jahrhunderts“ (S. 96). Andererseits fragt Arno Widmann, Feuilletonchef der Frankfurter Rundschau, in hilfloser Betroffenheit: „Wie viel Kraft brauchte man, um diesen blind – oder schlimmer noch gezielt – um sich schlagenden Hass cool über sich ergehen zu lassen?“ (S. 12). Und als Leser fragt man sich bei der Lektüre bald, warum so viel Zeit, Druckerschwärze und Aufmerksamkeit der Person Sarrazins gewidmet wurden, und möchte Robert Misik zustimmen, der es in seinem Beitrag in der taz „Sarrazynismus“ prägnant auf den Punkt bringt: “Und über solchen Schrott sollen wir diskutieren?” (S. 53).
Jedem, der dennoch mitdiskutieren oder sich auch nur einen ebenso essentiellen wie vielschichtigen Überblick über die Sarrazin-Debatte in den Medien verschaffen will, sei dieser Band dennoch vorbehaltlos empfohlen.

Thomas Wagner