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Gottschlich, Jürgen:
Das Kreuz mit den Werten : über deutsche und türkische Leitkulturen
/ Jürgen Gottschlich; Dilek Zaptçioğlu. – 2. Aufl. – Hamburg : edition Körber-Stiftung, 2006. – 263 S. : 8 Fotos
ISBN 3-89684-059-2

In der Debatte um den möglichen Beitritt der Türkei in die EU ging es zunächst um ökonomische Fragen. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 veränderte sich die Diskussion radikal. Jetzt ging es vorrangig um eine Wertediskussion: “Worin besteht der Kernbestand westlicher Werte, was ist die Wertebasis der Europäischen Union und inwieweit unterscheidet sich diese von den Werten anderer speziell der islamischen Gesellschaften?” (S. 15) Die Autoren, privat und beruflich ein türkisch-deutsches Paar, haben von Istanbul aus diesen Diskurs hautnah miterlebt und mitgeführt. (S. 15) 
Sie untersuchen in ihrem Buch, einer Mischung aus Analyse, Interview, Porträt und Reportage, inwieweit sich deutsche und türkische Werte voneinander unterscheiden. Sie greifen Aussagen zu gefühlten und Meinungswerten von Türken und Deutschen über den jeweils anderen auf, die die bekannten Vorurteile und Stereotype bedienen.
Ferner analysieren Gottschlich und Zaptçioğlu verschiedene soziologische Studien, die belegen, dass die Entwicklung von Werten und Normen eng mit der ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft zusammenhängt. (S. 51) “Bei allen Fragen gibt es entsprechend dem Wohlstandsgefälle der einzelnen Länder ein Gefälle von postmodernen hin zu traditionellen Werten.” (ebenda)
Des weiteren vergleichen die beiden Journalisten die Grundrechte der deutschen Verfassung mit denen der türkischen Verfassung. Sie gelangen dabei zu dem Ergebnis, “dass die kodierte gesellschaftliche Werthaltung durchaus ähnlich ist.” (S. 58)
Zwei weitere Beiträge über den Wertewandel in der Türkei und in Deutschland schließen sich an. D. Zaptçioğlu schreibt über die Werteentwicklung in der Türkei vom Ende des Osmanischen Reiches bis in die Gegenwart. Der radikalste Wertewandel vollzog sich ihrer Auffassung nach in den 1920er und 1930er Jahren unter Mustafa Kemal Atatürk, dem Begründer der Türkischen Republik. Religion wurde u.a. zur Privatsache erklärt und das Tragen religiöser Kleidung in der Öffentlichkeit verboten. (S. 79) Diesem Aufbruch folgte aber nur ein kleiner Kreis der städtischen wohlhabenden Bevölkerung. Arme und ländliche Bevölkerungsschichten lebten weiterhin nach alten traditionellen Werten.
J. Gottschlich analysiert den Wertewandel der letzten 40 Jahre in der Bundesrepublik, in der sich ein rasanter gesellschaftlicher Wandel erstmals 1969 unter der ersten sozialliberalen Regierung vollzog. Im selben Jahr wurde die Strafbarkeit von Ehebruch und Homosexualität abgeschafft. Alternative Lebensformen und neue Wertvorstellungen wurden zum Programm antiautoritärer, feministischer und ökologischer Gruppierungen.
Nach 1989 prallten die unterschiedlichen Wertvorstellungen in Ost- und Westdeutschland aufeinander. Die damit verbundene Wiederentdeckung der Nation führte bei Teilen der deutschen Bevölkerung zu Fremdenhass und Ausländerfeindlichkeit. “Unter dem ökonomischen Druck der Globalisierung ist eine Minderheit indessen dabei, Nation und Deutschtum wieder als identitätsstiftendes Element und vermeintlich selbstverständlichen Wert zu entdecken.” (S. 130) Im Verlauf des Wertewandels, so der Autor, habe die Selbstbestimmung des Individuums unangefochten Vorrang vor den Rechten des Kollektivs, sei es der Staat oder die Familie. (S. 133)
In Reportagen und Porträts schildern die Autoren dann, wie sich unterschiedliche Werte im Alltag der deutschen und türkischen Gesellschaft auswirken.
Im abschließenden Kapitel reflektieren sie ihre Eindrücke vom 11. deutsch-türkischen Symposium der Körber-Stiftung unter dem Motto “Europas Werte: Der christliche, muslimische, säkulare Beitrag”. D. Zaptçioğlu merkt dazu kritisch an, dass die deutschen Teilnehmer ihre “Werte” gar nicht zur Debatte gestellt hätten, sondern sich ausschließlich auf negative Aspekte türkischer Werte wie “Ehrenmorde”, Zwangsehen und jugendliche Machos fokussierten. Für die große Mehrheit der Türken gehörten jedoch Gemeinsinn, Solidarität, kollektives Leben und Vaterlandsliebe zu den wichtigsten Werten. (S. 22)
Für diejenigen, die den deutsch-türkischen Dialog auf gleicher Augenhöhe führen wollen, ein wichtiges informatives Buch.

Gisela Jonas