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Taseer, Aatish:
Terra Islamica : auf der Suche nach der Welt meines Vaters
/ Aatish Taseer. Aus dem Engl. von Rita Seuß. – München : Beck, 2010. – 365 S. : 1 Karte
ISBN  978 3 406 59822 7

Der 1980 in Indien geborene Aatish Taseer, nichtehelicher Sohn einer indischen Journalistin und eines pakistanischen Politikers, wächst in der nichtmuslimischen Familie seiner Mutter auf. In London und den USA ausgebildet und sozialisiert, gelten für ihn westliche Wertvorstellungen. Dennoch ist er nach islamischer Tradition durch seinen Vater ein Moslem. „Meine persönliche Erfahrung mit dem Islam war eine große Leerstelle. Und trotzdem war ich irgendwie doch ein Muslim.“ (S. 30)
Taseer begibt sich auf eine Reise in die „Terra Islamica“. Ausgangspunkt ist sein Zeitungsartikel über terroristische Anschläge britischer Pakistani 2005 in London sowie die darauffolgende ablehnende Äußerung seines Vaters. Dieser bezichtigt ihn, gehässige antimuslimische Propaganda verbreitet zu haben.
Taseers Route führt ihn von der programmatisch säkularen Türkei über das arabisch-nationalistische Syrien, das traditionelle religiöse Mekka und den Iran bis nach Pakistan, dem „Land meines Vaters, wo die Wurzeln meiner Verbindung zum Islam lagen …“ (S. 33)
Monatelang ist der Autor unterwegs; in den höchst unterschiedlichen Ländern sucht er das Gespräch und den Austausch mit Gläubigen.
In der Türkei trifft Taseer zum Beispiel einen Islamwissenschaftler, den er bewusst zitiert: „Muslime sollten an der Spitze, im Zentrum des Systems stehen. Erst wenn wir an den Schalthebeln der Macht sitzen und die weltpolitischen Entscheidungen treffen, werden wir frei sein. … Wir wollen ganz nach oben, um zu verwirklichen, was Allah uns aufgetragen hat.“ (S. 58)
In Syrien, „das in jüngster Zeit zur wichtigsten Anlaufstelle radikaler Islamisten geworden war“ (S. 33), erlebt der Autor an der Abu Nur Universität in Damaskus, die von mehr als 12 000 Studenten aus 25 Ländern besucht wird, wie Religion politisch instrumentalisiert werden kann.
Im zweiten Teil der Reise, die Taseer in den Iran und nach Pakistan führt, will er vor allem erfahren „wie der Islam über die Sphäre des Glaubens hinaus Menschen und Gesellschaften prägte.“ (S. 130)
Nach Sicht des Autors erwarten viele Iraner die Lösung ihrer Probleme nicht mehr von der Religion. Sie leiden unter der staatlichen „Tyrannei der Belanglosigkeiten“, die sie korrumpiert, klein gemacht, deformiert und kriminalisiert hat. (S. 170) Zum Ende seines Aufenthalts im Iran wird Taseer von der geheimen Staatspolizei verhört und muss das Land umgehend verlassen.
Das Buch endet mit der Begegnung von Vater und Sohn in der pakistanischen Stadt Lahore. Enttäuscht stellt Taseer fest, dass es zwischen ihnen keine Gemeinsamkeiten geben kann. „Ich hatte meine Reise mit der Frage begonnen, warum mein Vater Muslim war, jetzt wusste ich, warum: In meinem Vater war keiner der einst mächtigen moralischen Imperative des Islam mehr lebendig. Dennoch war er Muslim. Er war Muslim, weil er den Holocaust anzweifelte, Amerika und Israel hasste, … und sich an der ruhmreichen islamischen Vergangenheit berauschte.“ (S.349)
Mit seiner einfühlsamen, tiefgründigen Reisereportage durch die fremdartige „Terra Islamica“ vermittelt der Autor Informationen über den aktuellen Islam in diesen Ländern. Es entsteht das Bild islamischer Gesellschaften, die nach Meinung Taseers weniger Religions- als vielmehr politische Gemeinschaften sind, geprägt unter anderem durch Antiamerikanismus und Judenhass.
Seinen Bericht von dieser Reise verknüpft Aatish Taseer mit persönlichen Erinnerungen und Episoden aus der Geschichte seiner indischen Familie, die zugleich auch die Brüche zwischen Pakistan und Indien widerspiegeln.

Gisela Jonas