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Kaddor, Lamya:
Muslimisch – weiblich – deutsch! : mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam
/ Lamya Kaddor. – München : Beck, 2010. – 206 S.
ISBN 978 3 406 59 160 0

 

Offenkundig reagiert die Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin Lamya Kaddor (geboren 1978 im westfälischen Ahlen) mit ihrem neuesten, nunmehr dritten Buch auf die sich immer wieder neu entzündende Debatte über Zuwanderung und Integration. Hier vermischen sich Familiengeschichte, Gesellschaftsanalyse, Koran-Interpretation und pädagogischer Exkurs.
Die Autorin, „muslimisch, weiblich, deutsch, arabisch-stämmig ..., jung, gläubig – aber ohne Kopftuch, theologisch ausgebildet, modern und liberal“ (S, 132), möchte eine hierzulande wenig wahrgenommene muslimische Denk- und Lebensart aufzeigen, die nichts mit dem in der Öffentlichkeit vorherrschenden Bild eines erstarrten beziehungsweise gefährlichen Islams zu tun hat. Ihre Sichtweise ist eine liberale, weltoffene und kritisch-differenzierte. Damit gibt sie besonders jenen liberal-gläubigen Muslimen eine Stimme, die Deutschland als ihre Heimat angenommen haben, die an gesellschaftlichen Prozessen partizipieren und ihren Glauben offen und ohne Zwang leben. Angesichts der aufgeladenen Meinungsmache gegen den Islam und die Muslime sind sie einem ständigen Rechtfertigungsdruck ausgesetzt. Diesen Sachverhalt bringt Kaddor unverbrämt zur Sprache: „Es muss Schluss sein damit, uns als Fremde anzusehen. Nicht andere sagen mir, ob und wie ich deutsch bin, sondern ich möchte selbst bestimmen, was mein Deutschsein bedeutet. Nicht andere sagen mir, was der Islam ist oder sein sollte, sondern ich möchte selbst bestimmen wie ich meinen Islam lebe. Es muss endlich Schluss sein damit, Muslime als ein Volk zu betrachten und alle über einen Kamm zu scheren.“ (S. 111/112) Die Autorin ist weit davon entfernt, Missstände wie Gewalt in der Ehe, Ehrenmorde, Kopftuchzwang oder den Missbrauch der Religion für politische Ziele zu übersehen. Eindringlich weist sie aber darauf hin, dass es falsch sei, einzig die Religion dafür verantwortlich zu machen. „In der Regel spielen andere Faktoren eine größere Rolle: Bildungsstand, Gesellschaftsstatus, Lebensstandard, politische Einstellungen oder Diskriminierungserfahrungen.“ (S. 30)
Als Vorzug dieses teilweise programmatischen Buches erweist sich, dass die „Berufsmuslimin“ (S. 8), eine der ersten islamischen Religionspädagoginnen in Deutschland, an vielen Projekten im Hinblick auf die Integration muslimischer Jugendlicher direkt beteiligt war und wertvolle pädagogische Erfahrungen im Unterrichtsfach Islamkunde sammeln konnte. Sie kommen der Gesamteinschätzung von Identitäts- und Integrationsproblemen muslimischer Jugendlicher zugute. Im Unterricht an einer Hauptschule in Dinslaken-Lohberg macht Kaddor die Erfahrung, dass muslimische Jugendliche zu wenig über ihre Religion wissen. Ihr Religionsverständnis ist vornehmlich von Traditionen ihrer Herkunftskultur geprägt. Ausgehend von diesen Beobachtungen fordert die Autorin, islamischen Religionsunterricht in deutschen Schulen flächendeckend einzuführen.
Ihrer Ansicht nach sollten Muslime religiöse Dogmen grundsätzlich hinterfragen und sich stärker als bisher mit der „Verknüpfung von Zeit und Religion“ (S. 85) auseinandersetzen. „Es ist höchste Zeit, dem Islam ein zeitgemäßes Gesicht zu geben.“ (S. 204) Wie man den Koran „als Antwort auf die Herausforderungen seiner Zeit“ (S. 184) verstehen kann, demonstriert Kaddor an der vieldiskutierten Kopftuch-Frage. (s. Kapitel 3)
Alle Kapitel dieses Buches kreisen um Kernfragen wie: Was wird aus dem Islam im 21. Jahrhundert? Wie kann muslimisches Leben in Deutschland aussehen? Wie kann man den Islam hier lebbar machen? Wer ist der wahre Muslim?
In jeweils einem 10-Punkte-Programm für die Mehrheitsgesellschaft und für die eingewanderten Muslime und ihre Nachkommen unterbreitet die Autorin konkrete Vorschläge für „wirksame Strategien und Kampagnen gegen eine spürbar zunehmende Islamophobie.“ (S. 198)
Dieses sehr persönliche und mutige Buch, das in seltener Offenheit, engagiert und völlig undogmatisch verschiedene Möglichkeiten auf dem Weg zu einem zeitgemäßen Islam aufzeigt, könnte zur Versachlichung und theoretischen Fundierung des Themas beitragen. Wunschleser benennt die Autorin selbst: alle Interessierten und vor allem auch junge Muslime, die in Deutschland ihre Heimat gefunden haben.
Am Ende ist man klüger und hellhöriger geworden. Literaturtipps zum Weiterlesen.

M. Jonzeck