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Hirsi Ali, Ayaan:
Mein Leben, meine Freiheit : die Autobiographie
/ Ayaan Hirsi Ali. – München : Piper, 2006. – 493 S. – Aus dem Engl. übers.
ISBN–13: 978-3-492-04932-0 ISBN-10: 3-492-04932-X

Die Lebensgeschichte der weltweit prominenten, zugleich angefeindeten und bedrohten Politikerin und Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali geht unter die Haut.
„Es handelt sich um meine subjektiven Erinnerungen“, schreibt die Autorin in der Einleitung zu ihrer Autobiographie, „und ich berichte so genau, wie ich es nur kann … Mein Denken ist von dem geprägt, was ich erlebt und gesehen habe. Mir ist klar geworden, dass es nützlich, ja sogar wichtig ist, diese Geschichte zu erzählen. Manches möchte ich klarstellen, einiges geraderücken, und zudem möchte ich über eine völlig andere Welt berichten, darüber, wie diese Welt wirklich ist.“ (S. 10)
Die Welt ihrer Kindheit in Somalia (hier wurde sie 1969 geboren), Saudi-Arabien, Äthiopien und Kenia wird im ersten Teil des Buches lebendig. In dieser spannenden wie informativen Rückschau auf ihre Kinder- und frühen Jugendjahre nimmt die Auseinandersetzung mit religiösen Fragen bereits einen breiten Raum ein. Obwohl streng muslimisch erzogen, rebelliert das junge Mädchen, vor allem auch unter dem Einfluss freigeistiger Literatur, „gegen die traditionelle Unterwerfung der Frau.“ (S. 136)
Der zweite Teil der Erinnerungen gilt den Lebensstationen Ayaan Hirsi Alis nach ihrer Flucht vor der unausweichlichen Zwangsheirat. Als sie 1992 über Deutschland in die Niederlande emigrierte, war sie 23 Jahre alt. „Ich floh nicht vor dem Islam oder in die Demokratie. Es ging nicht um große Ideen – die hatte ich damals nicht. Ich war nur eine junge Frau, die unbedingt sie selbst sein wollte.“ (S. 266–267)
Die dort schon sehr bald als Dolmetscherin und Sozialarbeiterin tätige Immigrantin erlebt hautnah das Elend und die Rechtlosigkeit muslimischer Frauen und Kinder. Folgerichtig stellt sie schon während ihres Studiums der Politikwissenschaft an der Universität von Leiden sowie als Parlamentsabgeordnete der rechtsliberalen Partei VVD ihr politisches Engagement ganz in den Dienst der Befreiung muslimischer Frauen von Unterwerfung und physischer Gewalt.
„Ich beschloß“, so die Autorin, „eine monothematische Politikerin zu werden, und das bin ich noch heute. Ich bin überzeugt, dass dieses Thema das größte und wichtigste ist, mit dem sich unsere Gesellschaft und die ganze Erde in diesem Jahrhundert wird befassen müssen.“ (S. 416–417) Eng verknüpft mit der politischen Arbeit Ayaan Hirsi Alis ist ihre fast quälende Selbstauseinandersetzung mit dem islamischen Glaubenssystem, die zum endgültigen Bruch mit ihrer Religion führt.
Was dann im Leben der Politikerin geschah, erschütterte die Öffentlichkeit weit über die Niederlande hinaus. Ihr Kurzfilm „Submission: Part One“ (Autorenkommentar zum Film: S. 438-441) kostete den Regisseur Theo van Gogh das Leben. Der islamkritische Filmemacher wurde im November 2004 in Amsterdam auf offener Straße von Muhammad Bouyeri ermordet. Der Drohbrief, den der Mörder auf der Leiche hinterließ, galt Ayaan Hirsi Ali. Danach lebte sie drei Monate lang, bewacht und dirigiert von Sicherheitsdiensten, im Untergrund.
Nach politischen Querelen um die Aberkennung ihrer Staatsbürgerschaft verkündet sie am 16. Mai 2006 ihren Rückzug aus dem Parlament in Den Haag sowie ihren Entschluss, die Niederlande verlassen zu wollen. Heute lebt und arbeitet sie in den USA.
Kritikern wie Gegnern, die ihre Auffassungen als groteskes Geschwätz einer Frau abtun möchten, die aufgrund persönlicher Erfahrungen mit Beschneidung und Zwangsverheiratung traumatisiert sei (S. 487), hält Ayaan Hirsi Ali entgegen: „Meine Beschneidung hat sich … durchaus nicht auf meine Verstandeskräfte ausgewirkt, und ich würde es vorziehen, wenn meine Argumentation aufgrund ihrer Schlüssigkeit beurteilt würde und nicht aufgrund meiner Eigenschaft als Opfer.“ (S.488)
Dieses umfangreiche autobiographische Werk, nachsichtig und differenziert in der Betrachtung privater Lebenswelten, unerbittlich und polemisch zugespitzt in der Auseinandersetzung mit Glaubensfragen und der selbstgefälligen „Haltung der moralischen Relativisten, die behaupteten, dass alle Kulturen gleich sind …“ (S. 416), wirkt ebenso polarisierend wie ihr Essayband „Ich klage an“ Piper, 2005. 
Mit Fotos

M. Jonzeck