Erreichbarkeit

Zur Zeit haben wir kein Büro. Sie erreichen uns per E-mail, bitte geben sie dabei eine Rückmeldemöglichkeit an: Kontakt

Sie möchten unser Engagement unterstützen?







Ateş, Seyran:
Der Islam braucht eine sexuelle Revolution : eine Streitschrift
/ Seyran Ateş. – Berlin : Ullstein, 2009. – 219 S.
ISBN 978-3-550-08758-5

    „… der Umgang der Geschlechter miteinander, im Privaten wie im Öffentlichen,
    prägt eine Gesellschaft, ist ein Maßstab für Toleranz und Demokratie“ (S. 181)

Mit ihrer Streitschrift, wie die bekannte Autorin und Rechtsanwältin Seyran Ateş ihr neues Buch über Sexualität und Islam selbst bezeichnet, bringt sie die Hoffnung zum Ausdruck, dass auch mittels solcher Bücher eine Diskussion „in Bezug auf die sexuelle Selbstbestimmung des Individuums und die grundsätzliche Anerkennung des Rechts auf Sexualität“ (S. 11) angeregt und vertieft werden könne. Der Brisanz des Themas ist sie sich wohl bewusst.
Ihr 2007 erschienenes Buch „Der Multikulti-Irrtum“ (Buchtipp, s. Archiv), in dem sie in aufklärerischer Absicht und pragmatischer Klarheit die Einsicht zu vermitteln versucht hatte, dass Integration nur gelingen kann, wenn auch muslimische Frauen vor dem Gesetz gleichberechtigt und selbstbestimmt leben können, löste schon damals Kontroversen aus.
Jetzt greift die Autorin das Thema – Demokratie und Frauenrechte – abermals auf und führt es im Kontext zeitgenössischer Sichtweisen sowie unter Einbeziehung islamischer und nichtislamischer Literatur- und Schriftquellen weiter. Auch viele Ergebnisse aus Gesprächen, die sie in Vorbereitung ihres Buches mit muslimischen Frauen und Männern führte, fanden Eingang in die Gesamtbetrachtung.
Warum, fragt Ateş auch mit Blick auf die potenzielle Leserschaft eines solchen Sachbuches, sollten sich Nichtmuslime überhaupt für das Sexualleben und die Sexualmoral der Muslime interessieren. Schon aus dem Grund, so ihr Argument, weil die sexuelle Revolution im Westen, ausgelöst und vorangetrieben durch die 68er-Studentenbewegungen, ja gerade gezeigt habe, „dass Sexualität nicht ausschließlich Privatsache ist, dass die sexuelle Selbstbestimmung beider Geschlechter auch eine wichtige Rolle für die Gesamtgesellschaft spielt … Wie muslimische Männer und Frauen zusammenleben, hat einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die sogenannte Integration, auf das Miteinander der verschiedenen Kulturen …“ (S. 192/193). Hier geht es nicht mehr nur um einen innermuslimischen Diskurs.
Die Kernfrage des Buches lautet: „Aus welchen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Gründen braucht der Islam die sexuelle Revolution?“ (S. 180)
Aufgewachsen in zwei höchst unterschiedlichen Lebenswelten, in einer „eher prüden, sexualfeindlichen, auf die Ehre bedachten türkischen Sippe einerseits“ und in einer „entspannten, sexuell freien, auf den Kopf statt auf den Körper konzentrierten deutschen Welt andererseits“ (S. 23), gelangt Ateş zu der Ansicht, dass beim Thema Sexualität eine besonders tiefe Kluft zwischen der islamischen und der westlichen Welt bestehe. Diese Kluft müsse unbedingt überwunden werden.
In ihrem Plädoyer für ein von religiösen und traditionellen Zwängen befreites Sexualleben in der islamischen Welt bezieht sich Ateş nachdrücklich auf die sexuelle Revolution von 1968 im Westen. Sie habe den Frauen eine freie und selbstbestimmte Sexualität garantiert und sei ein gesellschaftlicher Fortschritt ohnegleichen.
Um ihr Anliegen deutlich zu machen, untersucht sie in einigen herausgehobenen Kapiteln die Lebensrealität muslimischer Frauen und Männer. Sie nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, wenn die Rede auf „Abgründe der Unfreiheit“ (S. 93) wie Polygamie, „Jungfrauenwahn“, Zwangsheirat, Kopftuch und Verschleierung, Gewaltbereitschaft, Missbrauch von Kindern und Diskriminierung von Schwulen und Lesben kommt.
Die Autorin betont, dass sie an die Reformfähigkeit des Islam glaube, aber bestreite, „dass der Koran in seiner Urfassung so auslegbar ist, dass unter dem Strich muslimische Frauen und Männer dieselbe sexuelle Erfüllung genießen dürfen. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es einer Reform, die die bestehenden Strukturen verändert.“ (S. 66) Universellen, unaufgebbaren Werten wie „Freiheit, Gleichberechtigung der Geschlechter, Demokratie, Toleranz und Religionsfreiheit“ (S. 187) komme dabei eine große Bedeutung zu.
Der Impuls zur Veränderung, so Seryan Ateş, müsse aus der Mitte der islamischen Gesellschaft selbst kommen. Das trifft sowohl auf einzelne islamische Länder als auch auf muslimische Communities in Europa zu. Auf keinen Fall könne der Westen dem Islam entsprechende Lösungen aufoktroyieren. Seine Aufgabe bestehe darin, die fortschrittlichen Muslime zu unterstützen.
Im Zusammenhang mit der Verantwortung aufgeklärter muslimischer Frauen und Männer für den Reformprozess kommen auch Aktivitäten und Anschauungen muslimischer Frauenrechtlerinnen zur Sprache. Deren schwierige Suche nach einem Weg, „islamisch und gleichzeitig frei zu leben“ (S. 124), verfolgt Seyran Ateş mit besonderer Aufmerksamkeit.
Anmerkungen; Literaturverzeichnis.