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Naef, Silvia: 
Bilder und Bilderverbot im Islam : vom Koran bis zum Karikaturenstreit
/ Silvia Naef. Aus d. Franz. von Christiane Seiler. - München : Beck, 2007. - 160 S.: zahlr. Abb. - Einheitssacht.: Y a-t-il une "question de l'image" en Islam? 
ISBN 978-3-406-44816-4

Die Islamwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin Silva Naef weist auf folgendes Paradox hin: Im Islam herrscht ein Bilderverbot, während die muslimische Welt tatsächlich von Bildern überflutet ist. Sie beschreibt den Platz des Bildes im Islam im Lauf der Zeit, seine Verurteilung in der Religion und seine Rolle in der Kunst. Am Ende des Buches zieht sie ein überraschendes Fazit zu diesem angeblichen Bilderverbot.
Hinsichtlich der Religion verbieten Koran und Hadithe nicht Bilder im Allgemeinen, sondern weisen auf deren Grenzen hin. Obwohl die muslimischen Gelehrten schon in der Anfangszeit des Islam unterschiedliche Interpretationen der heiligen Schriften hatten, einigten sie sich darauf, erstens Darstellungen von Menschen und Tieren sowie dreidimensionale Bilder in Gebetsräumen zu verbieten, damit sie nicht als Kultgegenstand betrachtet würden. Damit wollten sie eine mögliche Rückkehr des Polytheismus verhindern. Zweitens wird der künstlerische Schöpfungsakt verurteilt, weil er darin bestehe, Gott - den einzigen Schöpfer - zu imitieren und sich so mit ihm zu messen. Drittens gilt das Bild als 
Luxusgegenstand. Sein Besitz beweise also Eitelkeit. 
Hinsichtlich der Kunstgeschichte ist die Frage sehr komplex, und es gibt - je nach Epoche und geographischem Gebiet - verschiedene Betrachtungsweisen. Aus der faktischen Bilderlosigkeit, die den Sitten und Gebräuchen der meisten Regionen entsprach, in denen sich der Islam entwickelte, hat sich später eine Theorie der Bilderfeindlichkeit ergeben. Das Bilderverbot ist also nicht die Ursache der Bilderlosigkeit, sondern ihre Rechtfertigung. Figürliche Darstellungen wurden oft als Dekoration in Palästen verwendet und haben auch dazu beigetragen, den Islam in christlichen Gebieten durchzusetzen. Solche Bilder befanden sich oft auch als Muster oder Ornament auf Alltagsgegenständen. 
Außerdem entfaltete sich zwischen dem 13. und dem 19. Jahrhundert in Persien die Kunst der Miniaturen. War sie anfangs anonym und wurde lediglich zur Illustration sagenhafter Erzählungen oder wissenschaftlicher Arbeiten verwendet, rückte sie später durch Porträts oder durch die Darstellung historischer Ereignisse immer näher an die Wirklichkeit. Diese Künstler bekamen allmählich individuelle Anerkennung. Jedoch schmückte ihre Kunst nie religiöse Räume, in diesen blieb die Kunst der Kalligraphie vorherrschend. 
Ab dem 19. Jahrhundert wurden dagegen islamische Künstler wesentlich von der westlichen Kunst beeinflusst. Dies geschah vor allem durch das immer populärer werdende Genre der Porträtmalerei sowie der massenhaften Verbreitung neuer Bildformen wie Fotografie, Lithografie und später durch den Filmen. Auch das Entstehen von Denkmälern ist in diesem Zusammenhang zu nennen. Diese Eroberung sowohl in der Quantität als auch in der Qualität hat zur Verbreitung zweier geistiger Strömungen im Islam geführt: einer der Wirklichkeit nahen Neuinterpretation der heiligen Texte einerseits sowie einer Rückkehr zu den strengen islamischen Traditionen andererseits. Im Allgemeinen waren die Bilder in privaten Räumen akzeptiert, während sie für heilige Orte abgelehnt wurden.
Die Autorin erklärt im abschließenden Kapitel ihre eigene Haltung zu diesem vorgeblich islamischen Bilderverbot. Die westliche Welt nehme fälschlicherweise das Bilderverbot als Rechtfertigung für die islamische Verurteilung figürlicher Bilder. Am Beispiel der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen sei zu erkennen, dass die Reaktionen das eigentliche Problem vereinfachen würden. Die von den Bildern ausgehende Botschaft sei wichtiger als das Bild an sich. Der Kampf des Islam gegen Bilder sei tatsächlich ein Kampf gegen Ideen. Die Autorin fragt sich zuletzt, ob das Bilderverbot nicht eine rein westliche Erfindung sei. 
Mit Anmerkungen, Literaturverzeichnis und Personenregister.

Géraldine Gay