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Wir neuen Deutschen : wer wir sind, was wir wollen / Alice Bota; Khuê Pham; Özlem Topçu.  - 1. Auf. -  Hamburg : Rowohlt, 2012. - 174 S.
ISBN: 978-3-498-00673-0

Özlem Topçu, Alice Bota und Khuê Pham, alle drei aus Einwandererfamilien stammend und gegenwärtig Politikredakteurinnen bei der ZEIT, haben mit »Wir neuen Deutschen. Wer wir sind, was wir wollen« ein Buch geschrieben, dessen programmatischer Titel hält, was er verspricht. Einerseits geben Ö. Topçu und A. Bota, die als Kinder mit ihren Eltern aus der Türkei und Polen einwanderten sowie die in Deutschland als Kind eingewanderter Vietnamesen  geborene K. Pham Auskunft über ihre individuellen Erfahrungen mit dem Gefühl des »Anders-Seins« in der deutschen Gesellschaft. Andererseits gibt es von den Autorinnen gemeinsam verfasste Passagen, in denen, im kollektiven »Wir« geschrieben, versucht wird, allgemeine Aussagen zu formulieren.
Der Inhalt gliedert sich in acht zusammenhängende Kapitel, in denen thematische Schwerpunkte gesetzt werden. So widmen sich die Autorinnen im einleitenden Kapitel (»Eigentlich ganz schön hier«) dem eigens geschaffenen Identitätskonzept der »Neuen Deutschen«, das explizit das Selbstverständnis von in Deutschland geborenen oder aufgewachsenen Kindern Eingewanderter bezeichnet. Nachdem Topçu, Bota und Pham im zweiten Kapitel »Wer wir sind« eine sehr persönliche Einführung in ihre jeweilige Kindheit und Familiengeschichten geben, folgt im dritten (»Meine Heimat, keine Heimat«) und vierten Kapitel (»Unser anderes Land«) eine Auseinandersetzung mit dem Heimatbegriff und der  scheinbar einfachen Frage, woher man kommt. Zudem wird auf sensible Art und Weise und selten so gut wie hier verständlich gemacht, die Zerrissenheit zwischen Identitäten.
Das fünfte Kapitel unter dem Titel „Schönen Dank fürs Erbe“ ist den Einwanderern, also den Eltern der Autorinnen gewidmet. Hier werden vor allem die Erfahrungen der Eltern in Deutschland thematisiert und auch kritisch auf den Leistungsdruck eingegangen, der auch im nächsten Kapitel „Scheitern ist keine Option“ behandelt wird.
Das siebte Kapitel ist ausschließlich den Vorurteilen gegenüber Muslimen gewidmet.
Es ist bezeichnend, dass die Autorinnen erst im letzten Kapitel „Neue Deutsche braucht das Land“ die Intentionen formulieren, die dem Vorhaben, das Buch zu schreiben, zu Grunde lagen. „Wir waren uns nicht sicher, ob wir dieses Buch schreiben sollen“ (S. 161), so lautet der erste Satz dieses Kapitels. Selbst bei der Frage, über was sie denn schreiben wollen, waren sich die Autorinnen lange unsicher. War es nun ein Buch über Deutschland oder ein Buch über sie selbst? Auf jeden Fall ist es kein Buch über Integration, wie sie hervorheben. Das mag dem gesellschaftlichen Konsens, der von den »Mehr Integration«-Rufen der Politikerinnen  und Politiker widersprechen und zunächst auch auf den Leser irreführend wirken. Worüber schreiben die Autorinnen denn dann? Sie schreiben nicht über das Gegenteil, sondern erklären aus ihrer eigenen Erfahrung heraus, dass auch das »Anders- und gleichzeitig Deutsch-Sein« in Deutschland Identitäten schaffen und prägen kann und gerade die daraus entstehende Vielfalt geschätzt und anerkannt werden müsse. „Manchmal wissen wir nicht, wer wir sind. Manchmal wissen andere nicht, wer wir sind. Aber eines ist uns nun bewusst: Wir sind deutscher, als wir denken. Was kann daran schon schlimm sein?“ (S. 174)
Topçu, Bota und Pham ist mit »Wir neuen Deutschen« ein besonders kluges, vorurteilfreies und einfühlsames Buch gelungen.

Alina Strmljan