Erreichbarkeit

Zur Zeit haben wir kein Büro. Sie erreichen uns per E-mail, bitte geben sie dabei eine Rückmeldemöglichkeit an: Kontakt

Sie möchten unser Engagement unterstützen?

Wahlheimat

Ateş, Seyran:
Wahlheimat : warum ich Deutschland lieben möchte / Seyran Ateş. – Berlin : Ullstein, 2013. – 172 S.  ISBN 978-3-550-08020-3

„Ja, es ist möglich, Deutschland zu lieben, es für seine Verfassung zu lieben. Man kann zu einem Land nicht nur Gefühle entwickeln, weil es die Heimat ist, in der man geboren wurde, sondern auch, weil es die Heimat ist, für die man sich wegen ihrer Verfassung entschieden hat…“ (S. 172), resümiert die über Berlin hinaus bekannte und gesellschaftlich engagierte Juristin und Publizistin Seyran Ateş (geboren 1963 in Istanbul) in ihrem jüngsten Buch „Wahlheimat“. Dass eine Betrachtungsweise wie diese gerade in Deutschland polarisieren kann, weiß die mit deutscher Zeitgeschichte vertraute Autorin. Sie legt deshalb Wert auf die Feststellung, dass es gute Gründe gebe, sich zu Deutschland zu bekennen, ohne dadurch gleich eine Nationalistin zu sein.
Intensiv befasst sich S. Ateş mit dem Thema Heimat unter den veränderten Bedingungen der Globalisierung und vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Zuwanderungs- und Integrationspolitik in Deutschland. Andere, mit dem Heimatbegriff verknüpfte Themen wie Nation und Nationalismus, das geteilte Deutschland und die Wiedervereinigung, Freiheit und Demokratie, Verfassungspatriotismus, kulturelle Identität sowie Religion kommen hinzu.
Im Februar 2012 gab S. Ateş, damals noch im Besitz der doppelten Staatsangehörigkeit, freiwillig ihre türkische Staatsangehörigkeit auf. Die besondere Situation, die sie zu dieser Entscheidung zwang, schildert sie ausführlich im Eingangskapitel.
Aus gutem Grund betont die seit längerem unter dem Schutz des Berliner LKA stehende Anwältin, dass ihre Motive, die endgültige Trennung von einer rechtlichen Zugehörigkeit zur Türkei zu vollziehen und sich für Deutschland als politische Heimat zu entscheiden, allein mit der gegenwärtigen politischen Situation in der Türkei zusammenhängen: „Als Anwältin und Autorin besorgt mich jede Einschränkung von Menschen- und Freiheitsrechten. Als säkulare Muslimin besorgt mich der zunehmende Einfluss von Religion auf die Politik.“ (S. 10)
Verbunden mit diesem Schritt ist die Frage nach Verlust oder Gewinn von Heimat. Was ist Heimat überhaupt? Ist sie nur dort, wo man geboren wurde? Ausgehend von ihrer eigenen türkisch-deutschen Migrantengeschichte hält S. Ateş weiten Abstand von einem Heimatbegriff, der sich auf eine rein örtliche Bindung, eine Gesellschaft, eine Kultur fokussiert. Es geht ihr vor allem „um Gefühle und Einstellungen zu dem Begriff Heimat: Zugehörigkeit, Verantwortlichkeit, Identifikation und Partizipation.“ (S. 43) Folgerichtig gibt es für die Autorin nicht nur eine Heimat. Sie könne sich sowohl mit der Türkei als auch mit Deutschland, also mit zwei Heimatländern gleichermaßen identifizieren. Überzeugt davon, dass transkulturelle Identitäten ganz entscheidend unsere Haltungen zum Begriff Heimat verändern werden, nimmt sie ihr viel diskutiertes Konzept der Transkulturalität wieder auf und vertieft es.(1) Die Auseinandersetzung der Autorin mit dem Heimatbegriff, ungewöhnlich emphatisch in der Tonlage, ist für die Integrationsdebatte im De-facto-Einwanderungsland Deutschland von zentraler Bedeutung. Sind die „Urdeutschen“ überhaupt bereit zuzulassen, dass Deutschland auch die Heimat der Menschen mit Migrationshintergrund ist? Sind sie willens, Menschen aus anderen Kulturen und unterschiedlicher Herkunft als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft anzuerkennen? S. Ateş  äußert Zweifel und ihre Reaktion auf die Haltung derer, die zwischen Deutschen und Fremden weiterhin unterscheiden, lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, wie das folgende Zitat beweist: „Ich will in diesem Land nicht mehr als Ausländerin oder als Mensch mit Migrationshintergrund wahrgenommen werden. Diese Einschätzung empört mich. Sie empört mich, weil ich heimatliche Gefühle habe für Deutschland. Weil ich diesem Land dankbar bin und es liebe. Und weil ich viel leiste für das gute Zusammenleben in diesem Land.“ (S. 47)
Mit Blick auf türkische und arabische muslimische Parallelgesellschaften in Deutschland appelliert S. Ateş, „Verfassungspatriotin“ durch und durch, an die hier lebenden Migranten, die deutsche Gesellschaft, ihre Kultur und vor allem ihre freiheitlich-demokratische Rechtsordnung nicht abzulehnen, sondern sich dieser Errungenschaften bewusst zu werden und Teilhabe einzufordern.
Das Buch „Wahlheimat“ verbindet zweierlei: Anregung und Aufklärung. Es ist ein sehr persönliches Buch und eine wichtige Stimme im aktuellen Dialog über Zuwanderung und Integration.

M. Jonzeck

(1) Siehe auch das im Buchtipp (Archiv) besprochene Buch „Der Multikulti-Irrtum“ von Seyran Ateş.