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Gorelik, Lena:
„Sie können aber gut Deutsch!“ : warum ich nicht mehr dankbar sein will, dass ich hier leben darf, und Toleranz nicht weiterhilft / Lena Gorelik. – 1. Aufl. – München : Pantheon Verl., 2012. – 239 S.
ISBN 978-3-570-55131-8

Amüsiert und gereizt zugleich reagiert die 1981 in St. Petersburg geborene Autorin und Publizistin, eine inzwischen bekannte Stimme der jungen deutschen Literatur, auf oft zu hörende Reaktionen wie diese: „Sie können aber gut Deutsch. Wie kommt das denn?“ Lena Gorelik möchte sich auf keinen Fall für etwas bestaunen und beklatschen lassen, was ihrer Meinung nach in einer ethnisch gemischten Gesellschaft wie Deutschland längst zur Normalität geworden sei, meistens aber gar nicht mehr auffalle, weil viele mit Migrationshintergrund gut deutsch sprächen. „Unser Alltag ist voller solcher Menschen …“ (S. 99)
Nicht zuletzt waren es Aussagen wie diese, die L. Gorelik veranlassten, sich polemisch mit der Lage von Migrantinnen und Migranten in Deutschland auseinander zu setzen. Wie sehen und definieren wir uns? Was verbindet sich mit Begrifflichkeiten und Assoziationen wie Migration und Migrationshintergrund, Integration und Assimilation, Zuwanderung und Multikulturalität, Überfremdung und Parallelwelten?
Mitten in die Arbeit an diesem Buch platzte die Sarrazin-„Debatte“. Goreliks Bild von einem Wir-Deutschland bekam einen Sprung. „Ich, so wie ich bin, nicht mein bemüht deutsches Ich, schien hier plötzlich nicht besonders willkommen zu sein.“ (S. 147) Sie schreibt ein „ungeplantes“ Kapitel (S. 127-148) und befasst sich darin mit der nahe liegenden Frage, woraus der fruchtbare Boden bestand, auf den Sarrazins Worte fielen. (S. 156)
Ihr Buch, so die Autorin in aller Bestimmtheit, enthalte weder mögliche Integrationsansätze noch neue Migrationstheorien. Es sei ein Buch über Menschen, die eine Einwanderungsgeschichte haben, Menschen, „die in diesem Land leben, es in irgendeiner Weise beeinflussen, bereichern, verwirren, es letztendlich zu dem machen, was es ist.“ (S.12) L. Gorelik, „eine verrückte deutsch-russisch-jüdische Mischung“ (S. 138), ist eine von ihnen. Als Elfjährige kam sie Anfang  der neunziger Jahre mit ihrer Familie als Kontingentflüchtling nach Deutschland. Sie studierte in München, wo sie auch lebt. 2004 erschien ihr erster Roman „Weisse Nächte“. Weitere Bücher folgten.(*) Aus eigener Anschauung weiß sie demzufolge, was es heißt, fremd zu sein in einem Land und was man selbst tun kann und muss, um diese Fremdheit zu überwinden. „Ich bin das, was gemeinhin als „gut integriert“ bezeichnet wird ... Ich möchte gerne in einem Land leben, in dem man sich für mich als Mensch interessiert, nicht nur für meine so genannte erfolgreiche Integration. Ich möchte kein gutes Beispiel sein, ich möchte … Teil dieses Landes sein.“ (S. 105) Wie ein roter Faden zieht sich durch diese Essay-Sammlung die Frage: „Wie macht man das: sich integrieren?“ (S. 232)  Die Sicht der Autorin auf diesen komplizierten gesellschaftlichen Prozess: „Es geht nicht um Integration, es geht um Teilhabe.“ (S. 239)
Ausgehend von eigenen Erfahrungen, Beobachtungen und unzähligen Gesprächen mit „Nicht-Urdeutschen“ (S. 50) weiß L. Gorelik, dass ihr persönliches Positivbild von Deutschland nicht immer mit der Realität übereinstimmt. „Ein Land, in dem der mögliche schulische und berufliche Erfolg der Menschen nicht zuletzt von ihrer Herkunft, vom Klang ihres Nachnamens abhängt …, ist ein Land, in dem man von Chancengleichheit, die einer Demokratie würdig wäre, noch sehr weit entfernt ist.“ (S. 87-88) Einen auffallend achtsamen Blick wirft die Autorin, die oft in Schulen zu Lesungen eingeladen wird, auf die Situation von Kindern und Jugendlichen besonders aus bildungsfernen Einwandererfamilien. In diesem Zusammenhang berichtet sie in einem der vielleicht eindringlichsten Kapitel des Buches unter der Überschrift „Ich spreche Deutsch, aber nicht sehr gut“ von ihrer Begegnung mit einer begabten Schülerin im Rahmen einer schulischen Schreibwerkstatt. Als L. Gorelik nach einer abschätzigen Beurteilung des Klassenlehrers das Mädchen trotzdem ermuntert, weiter zu schreiben, erhält sie zur Antwort: „Ich kann nicht schreiben, ich bin doch nur Ausländerin.“ (S. 110)
Das vorliegende Buch ist eine ehrliche und nachdenkenswerte Auseinandersetzung mit wichtigen Fragen unserer Gegenwart. Sollten wir es eines Tages gelernt haben, einander zuzuhören, einander wahrzunehmen, das Land miteinander zu teilen, könnte man, so die Autorin, ihr Buch in den Mülleimer werfen. Zuvor jedoch wäre die Lektüre zu empfehlen.

M. Jonzeck

(*) Von Lena Gorelik erschienen bisher 2004 „Meine weissen Nächte“, 2007 „Hochzeit in Jerusalem“ und 2011 „Lieber Mischa…Du bist ein Jude“.