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Demirkan, Renan:
Septembertee oder das geliehene Leben
/ Renan Demirkan. – 1. Aufl. – Berlin : Gustav Kiepenheuer, 2008. – 169 S.
ISBN 978-3-378-01098-7

Die deutsch-türkische Schauspielerin und Autorin Renan Demirkan, die in ihrer Autobiographie eine berührende und sehr persönliche Bilanz ihres Lebens zieht, konnte „nie den ,Blick vom Rand’, der eigentlich der Blick jeder kulturellen Minderheit ist, auf die Mitte der deutschen Gesellschaft ablegen“, obwohl sie mit ihr zu verschmelzen begann. (S. 79)
In ihrem 50. Lebensjahr steht Renan Demirkan am Grab ihrer geliebten Mutter in deren türkischem Heimatdorf. Ihr Tod ist für sie ein einschneidendes Ereignis, Anlass sich noch einmal an die gemeinsamen Jahre zu erinnern und nach Herkunft, Schicksal und Lebenssinn zu fragen.
Die Autorin kam 1962 als Siebenjährige nach Deutschland, wuchs in Hannover auf, machte dort ihr Abitur und besuchte die Schauspielschule. 
Ihre Kindheit wurde geprägt von „den konkurrierenden Lebensentwürfen“ (S. 108) ihrer Eltern. Ihr Vater, ein Intellektueller, der aus politischen Gründen die Türkei verließ, verehrte Kant, Schopenhauer und die deutsche Klassik, liebte klassische Musik und war ein passionierter Schachspieler. Während er sie und ihre jüngere Schwester in seine Gedankenwelt einführte, übernahm die Mutter die praktischen Dinge des Familienalltags und bestand auf Werte wie: „Anstand, Ordnung, Glauben, Sauberkeit und Fleiß.“ (S. 108)
Ein lebenslanger Wunsch ihrer Mutter war es, in ihr Heimatdorf zurückzukehren, „weil ihr unsere Existenz in Deutschland immer wie ein geliehenes Leben erschien.“ (S. 28)
Nach dem Tod seiner Ehefrau und nach 45 Jahren in Deutschland stellt auch der Vater fest: „Die haben uns hier nie gewollt. Und die werden uns hier auch nie haben wollen, nie.“ (S. 71)
Renan Demirkan reflektiert ihre Lebenssituation als „Deutsche mit Migrationshintergrund“ und verbindet zugleich ihre Migrationserfahrung mit engagierten Stellungnahmen gegen eine ihrer Auffassung nach falsche Integrationspolitik, die als einseitige Anpassung missverstanden werde.
„Niemand kann von sich aus Teil der Gesellschaft werden, wenn die Gesellschaft ihm keinen Platz anbietet.“ (S. 14) Sie ist überzeugt davon, dass weder Einbürgerungstest noch runde Tische mit den ,ausländischen Mitbürgern’ „die Einstellung der hiesigen Gesellschaft ändern noch die Zugereisten zum Mitmachen motivieren wird.“ (S. 161)
Sie plädiert für ein gleichberechtigtes Gegenüber und für die Bereitschaft zum gemeinsamen Handeln, denn „ohne dieses Wechselspiel von Geben und Nehmen gibt es keine Gleichrangigkeit und keine Gerechtigkeit von Dauer.“ (S. 120 f.)
Dieses autobiographische Buch, tiefgründig und brillant geschrieben, beschreibt ein Leben auf der Suche nach der eigenen kulturellen Identität.
Es ist ein wichtiger Beitrag zur aktuellen politischen Debatte über Immigration und Integration.

Gisela Jonas