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Nationale Identität und Integration : Herausforderungen an Politik und Medien in Frankreich und Deutschland / hrsg. im Auftrag der Herbert Quandt-Stiftung von Roland Löffler und Stephanie Hohn. – Freiberg im Breisgau [u. a.]  : Herder, 2011. – 188 S. : Ill. (farb.) - (Trialog der Kulturen; 14 Konferenz)  -  Teilw. Aus dem Franz. übers.
ISBN 978-3-451-30521-4

 

Sowohl die immer noch anhaltenden Diskussionen um Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ als auch die kritischen Auseinandersetzungen mit der Burka- und Romapolitik des französischen Präsidenten Nikolas Sarkozy machen die Integration – in Deutschland wie in Frankreich – wieder zu einem Streitfall.
Der von der Herbert Quandt-Stiftung auf der Basis der „14. Trialog der Kulturen“-Jahreskonferenz herausgegebene Sammelband „Nationale Identität und Integration“ ermöglicht einen vergleichenden Blick auf diese Integrationsdebatte in beiden Ländern.
Wissenschaftler, Politiker und Journalisten aus Frankreich und Deutschland setzen sich in unterschiedlichen Beiträgen (wissenschaftlicher Aufsatz, Essay, Diskussion, Reportage, Interview) mit drei Themenkomplexen auseinander: „Frankreich und Deutschland: Wie unsere Gesellschaften wurden, was sie sind“ (S. 17 – 47), „Nationale Identität und Integration“ (S. 50 – 139), „Migration – Gewalt – Medien: Pauschalisierung oder Realität?“ (S. 142 – 172).
Der französische Soziologe und Demograf  François Héran erläutert in seinem Aufsatz „Demografie und Politik“ den komplexen Zusammenhang zwischen demografischen Entwicklungen und politischer Argumentation. Er warnt davor, bevölkerungspolitische Thesen für oder gegen Einwanderung aufzustellen.
In seinem Beitrag „Deutschland als Einwanderungsland“ gibt der Historiker Jochen Oltmer einen knappen Überblick über wesentliche Aspekte des Zuwanderungs- und Integrationsgeschehens in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Er konzentriert sich dabei auf  „die Bedingungen, Formen und Folgen der Etablierung eines Migrationsregimes in der Bundesrepublik Deutschland der 1950er und der 1960er Jahre“ (Anwerbeverträge). (S. 31)
Der zweite Themenkomplex „Identität und Integration“ beginnt mit einem weiteren Beitrag von François Héran. Sein Essay „Verschleierung und Vernunft“ behandelt „die Entstehung des Burka-Verbots in Frankreich aus sozialphilosophischer und ideengeschichtlicher Sicht. Er erklärt zum einen die soziologische Dimension der Verhüllung in der islamischen Welt, zum anderen die Idee des Laizismus in der französischen Republik.“ (S. 11)
Mit Sarkozys Einwanderungspolitik und ihrer „Logik des republikanischen Clubs“ setzt sich die Politikwissenschaftlerin und Frankreichexpertin Sabine Ruß-Sattar auseinander. Die Etablierung eines „Ministeriums für Immigration, Integration, nationale Identität und Zusammenarbeit in Entwicklungsfragen“ interpretiert sie „als Ankündigung einer für Einwanderer wenig einladenden französischen Nabelschau mit exklusivem Charakter“ (S. 12). Sie stellt fest, dass die Integrationsdebatte in Frankreich zunehmend eine Debatte um die Integrationsfähigkeit des Islams wird.
Tom Koenigs, Bundestagsabgeordneter der Grünen, Vorsitzender des Ausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe, reflektiert den deutschen Diskurs zu nationaler Identität und Integration. Seine These. „Identität und Integration widersprechen sich nicht, solange die Identität auf der Vorstellung von einer pluralistischen und multiethnischen Gesellschaft basiert. … Sobald aber Identität über eine deutsche Leitkultur, eine nationale Geschichte oder eine gemeinsame Herkunft … definiert wird, schließt sich die Integration von Migranten a priori aus.“ (S. 90)
In der Diskussionsrunde unter dem Thema „Nationale Verunsicherungen, islamische Zuwanderung und neue Identitätsdebatten“, die dem Beitrag Tom Koenigs folgt, debattieren  deutsche und französische Journalisten zum Beispiel über die Frage, ob „Multikulti“ gescheitert ist. Ebenfalls spielt das Burka-Verbot in der Journalistenrunde eine große Rolle. Carolin Emke, eine Teilnehmerin der Runde, verteidigt die Freiheitsrechte der muslimischen Frauen. Sie plädiert unter anderem dafür, Fragen der nationalen Identität im europäischen Kontext zu behandeln. Ihre ZEIT-Reportage vom 11. Oktober 2010 unter dem Titel „Unterwegs mit dem Engel. Auf der Suche nach Europas Identität“, wurde als Nachdruck für den vorliegenden Sammelband aufgenommen.
Über den Antisemitismus in den Banlieus der Pariser Vororte und über sein ambitioniertes, interreligiöses Projekt „Bus der jüdisch-muslimischen Freundschaft“ spricht der franko-marokkanische Rabbiner Michel Serfaty in einem Interview. (S. 99 ff.)
In einer anderen Diskussionsrunde zum Thema „Sarrazin und Sarkozy“ sah sich der französische Kommunikationswissenschaftler Hassane Souley heftigen Angriffen ausgesetzt. Er hatte zuvor in einem kritischen Essay den Medien und politischen Führungsschichten Frankreichs schwere Versäumnisse gegenüber den Migranten vorgeworfen. Sie würden Islamfeindlichkeit hoffähig machen.
Der Band endet mit zwei wissenschaftlichen Untersuchen von Rainer Geißler und Christian Pfeiffer.
Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht analysiert Geißler das Verhältnis von positiven und negativen Kontexten in der medialen Darstellung von Migranten und Muslimen in regionalen Medien sowie im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ und in der „Bild-Zeitung“.
Der Jurist und Kriminologe Christian Pfeiffer präsentiert die Ergebnisse der Studie „Jugendliche als Opfer und Täter von Gewalt“ aus den Jahren 2007/2008. „Unsere Untersuchung hat … gezeigt, dass der Grad der schulischen und sozialen Integration von zentraler Bedeutung dafür ist, in welchem Ausmaß junge Migranten Gewalttaten begehen.“ (S. 163)
Kurzbiographien der Autorinnen und Autoren.

Gisela Jonas