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Bar-On, Dan:
Erzähl dein Leben! : meine Wege zu Dialogarbeit und politischer Verständigung
/ Dan Bar-On. - Hamburg : Ed. Koerber-Stiftung, 2005. - 267 S. - Aus dem Engl. übers.
ISBN 3-89684-044-4

Dan Bar-On, Experte der Dialogarbeit (S. 132) mit verschiedenen sozialisierten Gruppen aus unterschiedlichen Ländern, lehrt und forscht als Professor für Psychologie an der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva. "Ein erfolgreicher Dialog zwischen erbitterten Gegnern", resümiert der international anerkannte israelische Psychologe und Konfliktforscher, "ist der kostbarste Teil meiner Arbeit - ebenso die Enthüllung der vielen Schichten eines Interviews, besonders derer, die ganz alltägliche Dinge beschreiben" (S. 216). Deutsche und Juden, Israelis und Palästinenser ermutigte Bar-On, sich gegenseitig ihre persönlichen Lebensgeschichten zu erzählen - storytelling - , um den Abgrund zu überwinden, "den die paradigmatischen Erzählungen' ... ihrer jeweiligen Gesellschaften während des hartnäckigen Konflikts zwischen ihnen aufgerissen haben" (S.35). Bereits zu Beginn der 70er Jahre interviewte der Wissenschaftler Familien von Holocaustüberlebenden. In Deutschland wurde der 2001 mit dem Bundesverdienstkreuz Ausgezeichnete zunächst durch seine Gespräche mit Kindern von NS-Tätern bekannt. In einer nächsten Phase versuchte Bar-On, "die Stimmen beider Seiten des Abgrunds in einen Dialog zu bringen" (S. 216). Er führte Nachkommen von NS-Tätern und Holocaustüberlebenden in der später durch Konfliktpartner aus Südafrika, Nordirland, Israel und Palästina erweiterten TRT-Gruppe (To Reflect and Trust) zusammen. Dieser internationalen Langzeitstudie folgten gemeinsam mit palästinensischen Kollegen und Vermittlern initiierte Dialogprojekte im israelisch-palästinensischen Kontext.
In seinem Buch "Erzähl dein Leben!" zieht Dan Bar-On das Fazit seines Lebenswerkes und analysiert im Detail eigene Dialogerfahrungen im Spannungsfeld von top down- und bottom up-Prozessen. Dieser sehr persönliche Bericht schlägt den Bogen von der Familiengeschichte des 1938 in Haifa als Sohn deutscher Juden geborenen Autors über die Beschreibung beruflicher Wege bis zur eigentlichen Dialogarbeit. Die Synthese umfassender Forschungsprojekte und -prozesse erweist sich beim Lesen als ein durchaus aktueller Stoff. Einen breiten Platz darin nehmen Dialog- und Bildungsprojekte vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts ein. 
Für Multiplikatoren aus Organisationen und Netzwerken dürfte in diesem Zusammenhang besonders das Kapitel "Dialogarbeit in anhaltenden Konflikten" (S. 132-171) von Interesse sein. Aufgeworfen wird hier u. a. die Fragestellung, warum Minderheiten mehr Schwierigkeiten als andere damit haben, "in Konfliktsituationen den Geschichten der dominanten Mehrheit zuzuhören und sie nachzuempfinden" (S. 151). Das wiederum impliziert die Frage, wann eine Geschichte 'gut genug' ist, um Aufmerksamkeit und Anteilnahme zu erreichen.
Seine auch für Gespräche an Dialogtischen sowie Workshops relevanten Aussagen schließt Bar-On mit der Nennung von Kriterien, "mit denen die generelle Idee der Versöhnung empirisch getestet werden kann" (S. 242): Vertrauen, Reflektionsvermögen, Identitätskonstruktion, zeitliche Dimension, Sprache, Zielgruppen, Hoffnung (ebenda). Umfangreiches Literaturverzeichnis.
Weitere Werke und Fachartikel des Autors können in der Mediathek der RAA entliehen werden.

Marianne Jonzeck