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Ateş, Seyran:
Der Multikulti-Irrtum : wie wir in Deutschland besser zusammenleben können
/ Seyran Ateş. – Berlin : Ullstein, 2007. – 281 S.
ISBN 978-3-550-08694-6

Öffentliche Aufmerksamkeit wurde der Berliner Juristin und Frauenrechtlerin Seyran Ateş nicht erst zuteil, als sie im Sommer 2006 ihre Zulassung als Anwältin vorerst zurückgab, nachdem sie von einem Verfahrensgegner tätlich angegriffen wurde. Die 1963 in Istanbul geborene Seyran Ateş lebt seit 1969 in Berlin. Seit Jahren setzt sie sich sachkundig und engagiert mit relevanten Fragen der Integrationspolitik und –praxis auseinander und vertritt die Rechte von Migrantinnen insbesondere aus der türkisch-kurdischen Community.
Die Rechtsanwältin weiß, dass es unter Umständen lebensgefährlich sein kann, unbequeme Probleme wie Zwangsheirat, Ehrenmord, häusliche Gewalt in Migrantenfamilien und sexuelle Selbstbestimmung für Frauen öffentlich zu thematisieren. Für ihre Zivilcourage wurde sie mehrfach ausgezeichnet und zur „Frau des Jahres 2005“ gekürt.
2003 erschien ihre viel beachtete Autobiographie „Große Reise durchs Feuer“, vor kurzem ihr neues Buch „Der Multikulti-Irrtum“, ein problemorientierter Gegenentwurf zum „romantisiert-ethnisierten Blick … auf die türkische und kurdische Kultur.“ (S. 117)
Ausgehend von der Erkenntnis, dass Integration nur gelingen kann, wenn Frauen gleichberechtigt und selbstbestimmt leben können, stellt die Autorin ein Thema in den Mittelpunkt ihres Buches: die Lage türkischer und kurdischer Musliminnen in Deutschland einschließlich der damit verbundenen Frage, was in der Gesellschaft konkret getan werden muss, um auch muslimischen Frauen mit oder ohne den Islam ein Leben in Würde und Freiheit zu ermöglichen. (S. 9) 
Alle Sachverhalte dieses Buches – Zwangsheirat, Ehrenmord, Kopftuchstreit, Scharia, Sexualität im Islam, Religion, Bildung, europäische Leitkultur und transkulturelle Gesellschaft – sind auf das Hauptanliegen der Autorin ausgerichtet.
Sie verdeutlicht hier noch einmal ihre teils schon bekannten und veröffentlichten Positionen und Thesen, verbunden mit Lösungsangeboten, zur Integration von Deutschtürken und in Deutschland lebenden Migranten und Migrantinnen muslimischen Glaubens.
Deutlich hörbar der eindringliche Appell an die deutsche Gesellschaft und ihre Einrichtungen, Grund- und Menschenrechtsverletzungen, die unter dem Deckmantel islamischer Kulturtraditionen und des Rechts auf freie Religionsausübung begangen werden, nicht länger zu verharmlosen oder zu ignorieren. „Jeder einzelne Ehrenmord ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ (S. 75) Ein friedliches Zusammenleben sei nur möglich, so Ateş´ These, wenn kultureller Toleranz Grenzen gesetzt werden, wo es um Menschenrechtsverletzungen geht. (S.91) In diesem Zusammenhang plädiert sie erneut für einen eigenen Straftatbestand Zwangsheirat und für ein Verbot des Kopftuchs in Schulen, Universitäten und öffentlichen Einrichtungen.
Vehement setzt sich die Autorin mit dem „Traum von der multikulturellen Gesellschaft“ (S. 9) auseinander. Mit Blick auf die streckenweise verfehlte Integrations- und Jugendpolitik in Deutschland regt die kritische Beobachterin an, das ihrer Meinung nach überholte und in vielerlei Hinsicht misslungene Konzept einer multikulturellen Gesellschaft zugunsten einer transkulturellen Gesellschaft zu überdenken. 
Dieses sehr authentische Buch „ist ein Plädoyer für ein friedliches und respektvolles Zusammenleben, das auf Verbindlichkeit und Gegenseitigkeit basiert – und auf echter Toleranz. Wirkliche Toleranz bedeutet, dass man den anderen, sein Umfeld und seine Kultur kennt und akzeptiert. Sie ist das Gegenteil von Gleichgültigkeit und Ignoranz.“ (S. 9)
Im Rahmen der zur Zeit heftig geführten Integrationsdebatte dürften die in dem Buch enthaltenen Fakten und Argumentationen die entsprechende Aufmerksamkeit finden.
Anhang: Muslimische Verbände in ausgewählten europäischen Ländern, Anmerkungen, Literaturangaben.

M. Jonzeck