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Saad, Fadi:
Der große Bruder von Neukölln: Ich war einer von ihnen - vom Gang-Mitglied zum Streetworker
/ Fadi Saad. - Orig-Ausg. - Freiburg im Breisgau : Herder, 2008. - 175 S. - (Herder spektrum; 3000)
ISBN 978-3-451-03000-0

Fadi Saad ist als Quartiersmanager im Neuköllner Körnerkiez tätig. Für sein Engagement und seine vielfältigen Tätigkeiten in der Jugendarbeit wurde er 2007 mit dem InterDialogPreis zur Förderung des interkulturellen Austauschs und Zusammenlebens in Berlin ausgezeichnet. Im vorliegenden Band schildert der heute 30-Jährige seine eigene, sehr wechselhafte Lebensgeschichte. „Ich habe schon ein erlebnisreiches Leben gehabt und dies hilft mir heute bei meiner Arbeit mit Jugendlichen“ schreibt Fadi Saad auf seiner eigenen Website. „Mein Leben habe ich in diesem Buch auch deshalb aufgeschrieben, weil ich zeigen will, dass es sich lohnt, niemals aufzugeben. Nicht sich selbst - und im Übrigen auch nicht andere!“
Saad wird 1979 als ältestes Kind einer palästinensischen Flüchtlingsfamilie in Berlin-Wedding geboren und wächst dort im Soldiner Kiez auf. In der Hauptschule macht er schon früh Erfahrungen mit Gewalt und Diskriminierung. Resignation und Perspektivlosigkeit bestimmen auch das Leben Fadi Saads. Das Schuleschwänzen wird zur Normalität; der Schüler scheitert. Als er schließlich Mitglied in der Jugendgang „Araber Boys 21“ wird, findet er dort zwar sozialen Zusammenhalt und ersehnte Akzeptanz, doch zugleich ist der weitere Abstieg vorprogrammiert: Saad findet sich bald in einer Spirale aus Gewalt und Kriminalität wieder. Prügeleien, Kämpfe mit Mitgliedern konkurrierender Gangs und das „Abziehen“ anderer Jugendlicher, Konfrontationen mit Lehrern, Sozialarbeitern und nicht zuletzt auch mit der Polizei werden für ihn zur Normalität. Es kommt immer mehr zu einer Entfremdung zwischen Saad und seiner eigenen Familie. Mit Erreichung der Strafmündigkeit landet er schließlich für ein Wochenende im Jugendarrest, ein prägendes Erlebnis, das er im Buch als „die längsten drei Tage meines Lebens“ (S. 43) beschreibt. Es läutet die Wende in seinem Leben ein und er löst sich von seiner Gang. Fadi Saad holt seinen Schulabschluss nach und absolviert schließlich trotz diverser Anlaufschwierigkeiten erfolgreich eine Ausbildung zum Bürokaufmann. Nach einiger Zeit kommt er schließlich über ein Praktikum zu einer Anstellung beim Arabischen Kulturinstitut AKI e. V. im Rollbergviertel, wo er bald auch als Kinder- und Jugendbetreuer eingesetzt wird, später wechselt er zum Nachbarschaftsheim Neukölln. Er erkennt, dass vor allem in der Arbeit für andere und mit anderen Menschen seine wahren Stärken liegen. 2006 beginnt er seine Arbeit als Quartiersmanager und kann im selben Jahr im Rahmen eines Seminars des Deutsch-Französischen Jugendwerks sogar an einem Ministerratstreffen in Paris teilnehmen. 
In der momentanen Veröffentlichungsflut zu Problemen Jugendlicher mit Migrationshintergrund stellt „Der große Bruder von Neukölln“ eine interessante Ausnahmeerscheinung dar. Hier wird einmal nicht aus der Warte des akademischen Elfenbeinturms über die Betroffenen referiert. Auch dienen sie hier nicht als Zahlenmaterial für statistische Studien. Stattdessen berichtet ein Insider in erfrischend klarer Sprache, selbstkritisch und nicht ohne Ironie, wie es ihm gelang – dank der Unterstützung seiner Familie, vor allem aber durch eigene Bemühungen –, sein Leben wieder in den Griff zu kriegen. Fadi Saads Gedanken und Vorschläge mögen nicht neu sein, doch sind sie aktueller denn je: Er plädiert für gegenseitige Anerkennung, Respekt und Bestätigung. Er fordert mehr Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt sowie mehr Engagement der Eltern Betroffener. Fadi Saad hält es des Weiteren für notwendig, mehr Polizisten, Lehrer und Sozialarbeiter migrantischer Herkunft einzustellen. Zugleich kritisiert er den Umgang der Justiz mit jungen Kriminellen. 
Das Buch kann gleichermaßen Jugendlichen wie auch Angehörigen von Lehr- und Sozialberufen empfohlen werden; gerade der zweiten Gruppe dürfte es interessante Einsichten in ihr fremde Lebenswelten vermitteln.

Thomas Wagner