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Toprak, Ahmet:
Das schwache Geschlecht - die türkischen Männer : Zwangsheirat, häusliche Gewalt, Doppelmoral der Ehre
/ Ahmet Toprak. – 1. Aufl. – Freiburg : Lambertus Verl., 2005. - 187 Seiten.
ISBN 3-7841-1609-4

Durch die Kampagne „STOPPT Zwangsheirat“ der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes sind seit 2003 die Themen Zwangsheirat, Gewalt in Migrantenfamilien und Ehrenmorde verstärkt ins öffentliche Interesse gerückt worden.
Ahmet Toprak, promovierter Diplom-Pädagoge türkischer Herkunft, beleuchtete mit der vorliegenden Studie erstmals die Perspektive der betroffenen Männer. Fünfzehn zwischen 1964 und 1982 in Deutschland geborene türkische Männer wurden in Interviews zu ihrer eigenen Biographie sowie ihren Gedanken über die Bedeutung der Ehe, Rollenverständnis, Sexualität, Familie und die Motive für Gewalt im „Namen der Ehre“ befragt. Der Buchtitel „Das schwache Geschlecht - die türkischen Männer" mag in diesem Kontext zwar zunächst irritieren, bekommt im Lauf der Lektüre jedoch eine tiefere Bedeutung, denn ungeachtet ihrer betont „männlichen“ Weltbilder und Ehrbegriffe und ihrer bejahenden Einstellung zu Zwangsehen und Ehearrangements, sind auch die hier vorgestellten Männer letztendlich nur Opfer ihrer eigenen Traditionen, die oftmals schon in früher Kindheit mit häuslicher Gewalt konfrontiert wurden.
Alle Interviewten stammen aus traditionellen bildungsarmen Familienverhältnissen und ließen – obwohl in Deutschland geboren und aufgewachsen - ihre Ehefrau durch die eigenen Eltern in deren Heimatdorf auswählen. Die Studie ist somit laut Toprak keinesfalls repräsentativ für alle türkischstämmigen Männer in Deutschland, verdeutlicht jedoch die immense Bedeutung von Geschlecht, Ehre, Religion und Kultur innerhalb der hier vorgestellten Bevölkerungsgruppe.
Nach einer thematischen Einführung, in der der Autor Aktualität, Motivation und die Vorgehensweise bei seinen Forschungen beschreibt, gliedert sich das Buch in drei Hauptkapitel:
Kapitel I widmet sich zunächst den individuellen Biographien der Befragten. Dabei werden u. a. die Herkunft der Familie und deren Gründe für die Migration nach Deutschland, die Geschlechterrollen in der Familie sowie das eigene Verhältnis zu Gewalt und Ehrbegriffen geschildert.
Das zweite Kapitel „Generierende Diskussion der wichtigsten Ergebnisse“ setzt sich auf 100 Seiten ausführlich mit den Forschungsergebnissen auseinander. Toprak geht darin sehr fundiert auf ein breitgefächertes Themenspektrum ein und lässt dabei seine umfangreiche Kenntnis der türkischen Kultur einfließen: Heirat, Motive für die Eheschließung, Eheschließung als Disziplinarmaßnahme, die Unterschiede zwischen Zwangsehe und arrangierter Ehe, die Geschlechterrollen, Gewalt in der Familie (sowohl körperlich wie verbal), Vergewaltigung in der Ehe, Ehre als Doppelmoral bzw. Mord im Namen der Ehre sowie abschließend zusammenfassende Gründe für die Gewaltanwendung.
Kapitel III fasst das Resümee aus diese Untersuchungen zusammen und stellt kurz-, mittelfristige und langfristige Maßnahmen zur Prävention von Zwangsehe und Gewalt dar: Ziel muss gerade auch innerhalb der türkischen Community ein offener Diskurs über das Thema Zwangsehe sein. Nicht zuletzt durch Verbesserung der Schul- und Berufsausbildung sowie der sozialen Bedingungen muss letztendlich eine erfolgreiche Integration auch dieser türkischen Frauen und Männer erreicht werden.
Im Anhang finden sich Literaturhinweise zum Thema.

Thomas Wagner