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Melilla: Transit oder Endstation

Diederich, Hanna:
Melilla: Transit oder Endstation : europäische Abschottungspolitik und ihre Folgen für die Flüchtlinge
/ Hanna Diederich. – 1. Aufl. – Frankfurt a. M. : Brandes & Apsel, 2009. - 187 S.
ISBN 978-3-86099-616-4

Artikel 3 der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 bestimmt die Gleichbehandlung aller Flüchtlinge „ohne unterschiedliche Behandlung aus Gründen der Rasse, der Religion oder des Herkunftslandes“. Doch die „Festung Europa“ hat mit ihrer jahrelangen rigiden Abschottungspolitik längst eine andere Realität geschaffen. Weil die Zahl der Asylbewerber so gering wie möglich gehalten werden soll, geraten humanitäre Prinzipien immer mehr in den Hintergrund. An den europäischen Außengrenzen im Mittelmeerraum spielen sich tagtäglich neue Dramen mit fatalen Folgen ab. Das Netzwerk UNITED verzeichnet im Rahmen der Kampagne Fatal Realities of 'Fortress Europe' seit 1993 bislang über 15.500 Todesopfer unter den Flüchtlingen. Bei dem Versuch, auf dem Seeweg nach Europa zu gelangen, kamen die meisten von ihnen ums Leben. So fokussiert sich die Aufmerksamkeit natürlich zunächst auf die Bootsflüchtlinge vor Lampedusa, den Kanaren oder in der Ägäis, die sich – sofern sie es überhaupt schaffen, europäischen Boden zu betreten – unter oft unmenschlichen Bedingungen in hoffnungslos überfüllten Aufnahmelagern wiederfinden.
Im Vergleich dazu gerät das Geschehen in der spanischen Enklave Melilla nur allzu oft in den Hintergrund. Das 60.000 Einwohner zählende Melilla, an der nordafrikanischen Küste gelegen und seit 1497 unter spanischer Herrschaft stehend, teilt sich die Grenze mit Marokko und stellt ein Stück EU auf afrikanischem Boden dar; Tor zu einer scheinbar besseren Welt für Tausende von Flüchtlingen, die alljährlich zu den Grenzen der Stadt gelangen. Doch für die meisten von ihnen bleibt dieses Tor versperrt. Ein dreireihiger, über 10 Kilometer langer und zwischen 6 und 8 Meter hoher Grenzzaun, ausgestattet mit Stacheldraht, Bewegungsmeldern und Kameras, sichert die Stadt vor illegaler Einwanderung. Zwischen den Zaunreihen patrouilliert die Guardia Civil, außerhalb des spanischen Territoriums marokkanisches Militär, das hin und wieder auch von scharfer Munition Gebrauch macht, um Flüchtlinge und Migranten vom Überwinden der Zaunanlagen abzuhalten.
Wer auf legalem oder illegalem Weg die Einreise nach Melilla geschafft hat, wird nach erfolgter polizeilicher Meldung im Auffanglager Centro de Estancia Temporal de Inmigrantes (C.E.T.I.) untergebracht und erhält eine vorübergehende Aufenthaltsberechtigung. Was folgt,sind die Abschiebung oder die Bewilligung eines dreijährigen Aufenthaltsstatus für die Stadt, mit dem jedoch weder die Weiterreise nach Spanien noch die Ausreise nach Marokko möglich ist. Das C.E.T.I. wurde ursprünglich nur für kurzfristige Aufenthalte konzipiert, die Realität sieht jedoch wie in allen Auffanglagern an den Außengrenzen der EU längst anders aus. Die stetig anwachsende Zahl der Flüchtlinge, administrative Überforderungen und politische Hindernisse bewirken, dass bis zu einer Entscheidung oft ein oder zwei Jahre vergehen.

Die Berliner Sozialpädagogin Hanna Diederich verbrachte von 2006 bis 2007 im Rahmen eines Praktikums bei der spanischen Hilfsorganisation Asociación Melilla Acoge mehrere Wochen in Melilla und führte in diesem Zeitraum auch Interviews mit Bewohnern des C.E.T.I. Ausgehend von dortigen Erfahrungen und Untersuchungen entstand später ihre Diplomarbeit, auf der der vorliegende Band basiert. Das Ergebnis ist eine ambitionierte und durchaus interessante Studie, die aber auch über lange Strecken die Geduld des Lesers strapaziert. Zu ausführlich erscheinen die mit Zitaten und Quellenangaben gespickten Ausführungen zu makro-, mikro- und mesotheoretischen Ansätzen der Migrationstypisierung, zu detailliert die – abermals vor Querverweisen strotzenden - Erläuterungen zu Methodik und Auswertung der Interviews. Der in erster Linie an der Situation der in Melilla Gestrandeten (um diese geht es hier) und weniger an theoretischen Interpretationsansätzen interessierte Leser wird diese akribische Fleißarbeit unter Umständen als zu viel des Guten empfinden. Seine Stärken entfaltet der Band vor allem in den Beschreibungen des Alltags in Melilla, den Hintergrundinformationen zu EU-Flüchtlingspolitik und Abschottungsmaßnahmen sowie in den Interviews mit C.E.T.I.-Bewohnern. Allerdings kommen sie erst im letzten Drittel des Buches zu Wort. Aber es sind vor allem die Stimmen dieser Gestrandeten, ihre Erfahrungen, Hoffnungen, Entäuschungen und Ängste, die an die in Vergessenheit geratenen humanitären Prinzipien der Europäischen Union appellieren und somit einen wichtigen Anstoß zur Diskussion über eine  realitätsferne wie menschenfeindliche Migrationspolitik leisten können.

Abkürzungsverzeichnis, Bibliographie, im Anhang Statistik zur Bewohnerstruktur des C.E.T.I., Codierstruktur und Auszug aus den Codierergebnissen.

Thomas Wagner