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Lampedusa

Reckinger, Gilles:
Lampedusa : Begegnungen am Rande Europas
/ Gilles Reckinger. – Wuppertal : Peter Hammer Verl., 2013. – 228 S. : Fotogr. – (Edition Trickster)
ISBN 978-3-7795-0440-5


Lampedusa, eine kleine italienische Insel im Mittelmeer, gerät immer dann in die Schlagzeilen der Medien, wenn Zehntausende afrikanische Bootsflüchtlinge auf der Insel stranden. So war es 2008 und zu Beginn der arabischen Revolutionen 2011. Die Flüchtlinge erreichten die Insel in desolaten Booten und in meist physisch elendem Zustand.
In diesem Zeitraum – 2008/2009 bis 2011 – reiste der Luxemburger Ethnologe Gilles Reckinger viermal nach Lampedusa, um herauszufinden, wie sich die Lebenswelten der Bewohner, der Flüchtlinge und der Touristen begegnen und welchen Stellenwert Lampedusa für die europäische Migrationspolitik hat.
Der Autor stellt nicht die Flüchtlingsschicksale in den Mittelpunkt seines politischen Reisebuches, sondern gibt vor allem Einblicke in das Alltagsleben der etwa 5.700 Lampedusanis. Begegnungen, Gespräche und Interviews mit den Inselbewohnern bilden den Hauptteil des Buches. Vorangestellt werden knappe Abrisse zur geographischen Lage und Geschichte Lampedusas sowie Fakten der Flüchtlingspolitik.
G. Reckinger reiste erstmals im März 2009 nach Lampedusa. Zu diesem Zeitpunkt hatte bereits eine eher seltene Solidarisierung der lampedusanischen Bevölkerung mit den Flüchtlingen stattgefunden. Ihr gemeinsamer Protest richtete sich gegen die katastrophalen Zustände im Erstaufnahmelager von Lampedusa und dessen beabsichtigte Umwandlung in ein Identifikations- und Abschiebezentrum.
Trotz dieser bemerkenswerten Solidaritätsaktion wird in vielen Gesprächen des Autors mit den Einwohner deutlich, dass sie die Realität der Flüchtlingsproblematik verdrängen möchten, „und die Lampedusani tun dies nach Kräften. Einerseits wohl, um die fragile Einkunft, die der Tourismus gewährt, nicht zu gefährden, andererseits vielleicht, um das Unerträgliche, das um sie herum passiert, nicht in ihrem Alltagsleben überhandnehmen zu lassen, vielleicht auch aus Abstumpfung.“ (S. 21)
Von seinen Protagonisten möchte der Autor wissen, wie ihr eigenes Leben auf der Insel verläuft und wie sie persönlich mit dem Phänomen Migration umgehen.
Lucia, Leiterin einer Naturschutzorganisation auf der Insel, äußert sich dazu sehr kritisch im Interview mit Reckinger. „Um mit dem Phänomen der Migration umzugehen, habe … Europa … eine polizeiliche Antwort gewählt.“ (S. 62) ,Sie sprechen über diese Sache im Sinne von Sicherheit und Repression. Das ist ein Paradox. Denn seit mehr als 15 Jahren erlebt diese Insel das Phänomen direkt. Wir sehen Immigranten, die vor allem aus subsaharischen Ländern kommen: Sie kommen in fürchterlichem Zustand an. Sie sind nicht einmal in der Lage, auf den eigenen Füßen zu stehen, wenn sie ankommen. Diese Menschen brauchen keine Polizei, keine gepanzerten Busse für den Gefangenentransport, sondern Krankenwagen, Ärzte, Sozialarbeiter, Rechtsanwälte, kulturelle Vermittler u.s.w.’ (S. 62)
In den beiden abschließenden Kapiteln „Europa!“ und „Eine Gesellschaft unter dem Brennglas“, entstanden nach der Rückkehr des Autors im März 2011 von der Insel Lampedusa, analysiert er die weiteren Umbrüche, die Eskalation der Flüchtlingsströme und die damit verbundene restriktive europäische Migrationspolitik. Er stellt fest, das Lampedusa exemplarisch für die europäische Anti-Migrationspolitik herhalten muss.
„Man könne davon ausgehen, dass das Grenzregime der Abschottung und der Verlagerung der Grenzvorposten bis weit vor Europa weiter fortgeschrieben wird.“ (S. 223) Das betrifft auch die Einsätze von Frontex im internationalen Luftraum und in internationalen Gewässern.
In der Schlussbetrachtung seines lesenswerten Buches hebt G. Reckinger hervor, dass die Migration und der Austausch zwischen Afrika, der Insel Lampedusa und dem europäischen Festland eine nicht wegzudenkende Realität sind.
Für das vorliegende Buch erhielt der Autor 2011 den Theodor-Körner-Preis (Wien).

Gisela Jonas