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Milborn, Corinna:
Gestürmte Festung Europa : Einwanderung zwischen Stacheldraht und Ghetto
/ Corinna Milborn. Mit Fotos von Reiner Riedler. – Wien [u.a.] : Styria Verl., 2006. – 248 S.
ISBN-10: 3-222-13205-4 ISBN-13: 3-222-13205-6

Die Wiener Journalistin C. Milborn, kritische Begleiterin europäischer wie globaler Einwanderungsmechanismen, bringt es auf den Punkt: „Europa ist dabei, eine Festung gegen Einwanderung zu bauen.“ (S. 6) Während an den europäischen Außengrenzen mit meterhohen Stacheldrahtzäunen und elektronischen Systemen gegen illegale Einwanderung aufgerüstet wird, werden im Inneren einzelner EU-Staaten Festungsmauern subtilerer Art gegen Migrantinnen und Migranten einschließlich ihrer in Europa geborenen Nachkommen errichtet.
Der Massenansturm einiger Tausend Flüchtlinge auf die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla oder die schweren Unruhen in den von Einwanderern bewohnten Pariser Vororten in den Jahren 2005/2006 machen deutlich, dass der massive Festungsbau Widerstand hervorruft. Bis die Wurzeln von Armut und Krieg vor allem in afrikanischen Ländern nicht beseitigt sind, werden die Menschen immer wieder versuchen, so die Annahme der Autorin, die Festung Europa zu unterwandern oder zu stürmen. Am Beispiel von Burkina Faso, einer Gegend in der Sahelzone, veranschaulicht sie den Teufelskreis von Elend und Flucht (Kapitel 9). „Europa ist ein Pulverfass geworden, dessen Zündschnur brennt.“ (S. 11)
Die gegenwärtigen Brennpunkte europäischer Einwanderungspolitik bilden die Schauplätze der eindringlichen und gründlich recherchierten Text- und Fotoreportagen. Diese Bilder bleiben haften. C. Milborn und der ebenfalls aus Wien stammende Fotoreporter R. Riedler besuchten Orte entlang der äußeren und inneren Festungsmauern Europas. Sie sprachen mit Betroffenen in geheimen Lagern an der marokkanisch-spanischen Grenze, in den Slums der „Illegalen“ im spanischen Gemüseanbaugebiet von Almería, im Pariser Vorort Seine-Saint- Dénis, in einem der islamisch geprägten Viertel Londons sowie im österreichischen Asylbetreuungszentrum Traiskirchen.
Eindrücklich macht die Autorin (Kapitel 6) auf die besondere Lage eingewanderter Frauen aufmerksam. Sie seien in vielen Fällen doppelt unterdrückt: innerhalb ihrer Familien und Gemeinschaften sowie als Diskriminierte in den Mehrheitsgesellschaften. „Ihre Schicksale sind zur Projektionsfläche der Diskussion um Integration geworden …“ (S. 131)
Die Gespräche, die sie mit der niederländischen Parlamentsabgeordneten Ayaan Hirsi Ali und Waris Dirie, UN-Sonderbotschafterin gegen weibliche Genitalverstümmelung, an einem geheimen Ort in Paris führte, decken die Brisanz gerade dieses Themas auf.
Der vorliegende Bericht über die katastrophale Lage von Einwanderern an den Grenzen und inmitten Europas setzt sich zugleich mit Positionen und Reaktionen der gegenwärtigen europäischen Einwanderungs- und Integrationspolitik vor dem Hintergrund weltweiter Migrationsbewegungen auseinander. Kernthese: „Es ist nicht die Einwanderung, die Probleme schafft – es ist der politische Umgang damit. Es ist auch nicht Europa, das gestürmt wird - es sind die Mauern einer Festung, die derzeit gebaut wird.“ (S. 7)
Speziell deutsche Erfahrungen z.B. im Hinblick auf Struktur und Anwendung des Zuwanderungsgesetzes vermittelt der 2006 im Campus Verlag erschienene „Migrationsreport 2006“, eine thematisch-chronologische Ergänzung des Bandes „Gestürmte Festung Europa“. Beide Bücher stehen in der Mediathek der RAA zur Verfügung. 
Anhang und umfangreiche Anmerkungen.

M. Jonzeck