Erreichbarkeit

Zur Zeit haben wir kein Büro. Sie erreichen uns per E-mail, bitte geben sie dabei eine Rückmeldemöglichkeit an: Kontakt

Sie möchten unser Engagement unterstützen?

Urban, Thomas: 
Der Verlust : die Vertreibung der Deutschen und Polen im 20. Jahrhundert
/ von Thomas Urban. - Bonn : Bundeszentrale für politische Bildung, 2005. - 224 S. : Fotogr., Kt.
(Schriftenreihe ; 480)
ISBN 3-89331-59-4

Dem Autor geht es nicht darum, Schuld und Verbrechen in der Geschichte der Beziehungen zwischen Deutschland und seinem östlichen Nachbarn gegenseitig aufzurechnen, sondern er nimmt die Bestrebungen bestimmter Kreise in der Bundesrepublik ein "Zentrum gegen Vertreibung" zu gründen, zum Anlass, einen Beitrag zur Aufhellung der Vertreibungen von Deutschen und Polen seit Ende des 19. vor allem aber im 20. Jahrhundert zu leisten. Vom "Verlust der Heimat" waren seit der Dritten Teilung Polens 1795 vor allem Polen betroffen: jene, die aus den nun preußisch gewordenen Landesteilen verdrängt wurden und jene, die aus den unter zaristische Herrschaft gelangten Gebieten nach Sibirien deportiert wurden, "um den Polen die Idee von der Unabhängigkeit auszutreiben" (S. 17). Die ambivalente Stellung Polens zwischen Deutschland und Russland zeigte sich auch nach dem Ersten Weltkrieg mit dem wieder erstandenen unabhängigen polnischen Staat, gefolgt von Ausweisungen und Umsiedlungen. Einen Hauptteil des Bandes nimmt die Darstellung der nationalsozialistischen Okkupations- und Vernichtungspolitik in Polen seit 1939 ein - beginnend mit den rassistischen Judenverfolgungen in Deutschland und der Ausweisung jüdischer Bürger nach Polen 1938. Andererseits verließen viele Deutsche ihre Heimat in Polen in Folge von Repressionen seitens der polnischen Behörden (dass diese von den Nationalsozialisten weidlich propagandistisch ausgenutzt wurde, um eine antipolnische Stimmung zu schüren, erwähnt Urban nicht). Ähnliche Vorkommnisse (Repressionen, Verschleppung vieler Polen nach Sibirien oder Kasachstan) gab es auch in den von der Sowjetarmee im Gefolge des Hitler-Stalin-Paktes besetzten polnischen Gebieten.
Im überfallenen Polen setzten die deutschen Okkupanten ihren Vernichtungsfeldzug gegen polnische Bürger, vor allem jüdische, fort. Vertreibung von Haus und Hof, Ermordung und Einlieferung in Konzentrationslager kennzeichneten das Wesen der deutschen Vertreibungspolitik. "Rassische Flurbereinigung" erfolgte vor allem bei den Bestrebungen, sogenannte "Mustergaue" wie im Wartheland zu installieren.
Den umfangreichsten Teil der Untersuchung nehmen die im Ergebnis der Konferenzen von Jalta und Potsdam erfolgten Umsiedlungen aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße zwischen 1945 und 1948 sowie die "Repatriierung" von Polen aus Ostpolen ein. Beides sollte nach dem Willen der Siegermächte in "geordneten Verhältnissen" stattfinden. Die Realität war, wie auch der Verfasser im einzelnen schildert, von Willkür, Härte und Verbrechen begleitet. Angesichts der von Urban materialreich dargelegten Entwicklungen, einschließlich der Zwangsumsiedlungen von Ukrainern aus Südostpolen in die Sowjetunion oder in die Oder-Neiße-Gebiete 1946/47 und den Spätaussiedlern ab 1956, geht er der Frage nach, ob dieses überhaupt mit den nationalsozialistischen Verbrechen und dem Völkermord zwischen 1939 und 1945 vergleichbar ist. Daran anknüpfend analysiert er die Politik der verschiedenen Regierungen der Bundesrepublik, der DDR und Polens in der Vertriebenenfrage und der neuen Grenzziehungen an Oder und Neiße und am Bug. Während die DDR bereits 1950 im Abkommen von Görlitz die Oder-Neiße-Grenze als "endgültige Friedens- und Freundschaftsgrenze" anerkannt hatte, war die Haltung der Bundesregierungen lange Zeit vom Kalten Krieg und den Aktivitäten diverser Landsmannschaften geprägt. Erst 1990, mit den veränderten weltpolitischen Rahmenbedingungen durch den Bankrott der sozialistischen Länder, erkannte die Bundesregierung mit dem deutsch-polnischen Grenzvertrag die Westgrenze Polens an und strich aus dem Grundgesetz die Passage über die Grenzen von 1937.

Wolfgang Voigt