Erreichbarkeit

Zur Zeit haben wir kein Büro. Sie erreichen uns per E-mail, bitte geben sie dabei eine Rückmeldemöglichkeit an: Kontakt

Sie möchten unser Engagement unterstützen?

Das Meer zwischen uns

Grande, Gabriele del:
Das Meer zwischen uns : Flucht und Migration in Zeiten der Abschottung / Gabriele del Grande; hrsg. von borderline-europe u. PRO ASYL. – Orig.-Ausg., 1. Aufl. – Karlsruhe : von Loeper Literaturverl., 2011. – 209 S. - Aus dem Ital. übers.
ISBN 978-3-86o59-525-1


Der italienische Journalist und Schriftsteller Gabriele del Grande (geb. 1982) dokumentiert seit mehreren Jahren Menschenrechtsverletzungen an den Grenzen Europas. Sein Blog „Fortress Europe“, den 2009 schon 250 000 Leser besucht haben (S. 205), ist zu einer der wichtigsten Dokumentationsstellen gegen die europäische Abschottung geworden. (S. 206) Im Jahr 2010 wurde del Grande für seinen Einsatz mit dem Menschenrechtspreis der Stiftung PRO ASYL ausgezeichnet.
Seinem vorliegenden Buch „Das Meer zwischen uns“ gingen drei Jahre (2007 bis 2009) gründliche Recherchen rund um das Mittelmeer voraus.
Der Autor besuchte die Orte, von denen sich Algerier und Tunesier, Eritreer und Somalier auf den Seeweg nach Europa machten. Er verfolgte ihre Fluchtrouten, befragte die Fischer im Kanal von Sizilien, recherchierte auf Lampedusa und suchte verschiedene Abschiebungshaftanstalten in Italien auf. Er erzählt Geschichten von Personen, die sich ihm anvertrauten; in der Hoffnung, dass ihre Schicksale öffentlich gemacht werden.
So berichten verzweifelte Algerier in der Reportage „Die Väter“ über ihre vergebliche Suche nach ihren Söhnen, die nach Europa aufgebrochen und im Golf von Tunis in Seenot geraten waren. Die Spuren führten zu tunesischen Gefängnissen.
Als verdeckter Ermittler informierte sich del Grande 2008 über die sozialen Proteste tunesischer Minenarbeiter in Redeyef, wo die staatliche Phosphatgesellschaft von Gafsa ihren Sitz hat. Die Polizei schlug die Proteste brutal nieder. Es gab Tote und zahlreiche Inhaftierungen. Über 30 junge Männer, die aktiv an der Volksrevolte beteiligt waren, flüchteten auf Booten nach Lampedusa und ersuchten dort um politisches Asyl. (S. 61)
In dem Bericht „Diaspora“ erzählt der Autor Geschichten von Menschen aus Eritrea und Somalia, die vor den kriegerischen Auseinandersetzungen in ihren Heimatländern nach Libyen geflohen waren, um von dort über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Einige von ihnen suchte er in libyschen Gefängnissen auf, wo sie unter unmenschlichen und entwürdigenden Bedingungen festgehalten wurden.
Del Grande hebt hervor, dass die Bootsflüchtlinge aufgrund eines Abkommens zwischen Italien und Libyen sofort wieder nach Libyen abgeschoben werden konnten.
Im November 2008 erhielt del Grande die Nachricht von einer spektakulären Rettungsaktion: Fünf sizilianische Bootsbesatzungen retteten das Leben von 650 Bootsflüchtlingen. (S. 127)
Über diese und andere Seerettungsaktionen durch sizilianische Fischer berichtet er in seiner Geschichte „Traum in zwei Teilen“.
In der Recherche „Befriedungsverbrechen“ schreibt del Grande über die Zustände in den Identifizierungs- und Abschiebungshaftanstalten in Italien. Das In-Kraft-Treten eines damals neuen Sicherheitsgesetzes, das die Verwaltungshaft auf sechs Monate verlängerte, führte im Sommer 2009 zu Revolten und Brandanschlägen, Fluchtversuchen und Hungerstreiks in den Haftanstalten. Seiner Meinung nach stellten jedoch diese Gewaltszenarien die Ausnahme da: „Es war eine neue Generation von Identifizierungs- und Abschiebungshaftzentren entstanden. Maßgerechte Projekte mit Qualitäts-Serviceleistungen. … die den Staat viel Geld kosteten, jedoch tadellose Haftbedingungen aufwiesen.“ (S. 168)
Del Grande prangert in seinem Buch Missstände bei Behörden und in den nationalen Gesetzgebungen an.
Er setzt sich für die Inhaftierten und Verfolgten ein und gibt ihnen eine Stimme. Er reflektiert über Fluchtgründe und –motive und lässt keinen Zweifel daran, dass sich diese Menschen niemals aufhalten lassen werden, die andere Seite des Mittelmeers – Europa – zu erreichen.
Sein außerordentlich gut recherchiertes, teils erschütterndes Buch ist mit Blick auf das europäische Grenzregime mit seiner Grenzschutzagentur FRONTEX von höchster Aktualität.

Gisela Jonas