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Gatti, Fabrizio:
Bilal : Als Illegaler auf dem Weg nach Europa
/ Fabrizio Gatti. – 1. Aufl. – München : Kunstmann Verl., 2010. - 451 S. aus dem Ital.
ISBN 978-3888975875

Der italienische Journalist Fabrizio Gatti, Chefreporter des Magazins L’espresso, sorgte schon wiederholt durch seine Undercoverreportagen für Aufsehen. In bester Günther Wallraff-Tradition schlüpft er bei seiner Arbeit in falsche Identitäten und erlebt am eigenen Leib die Missstände, die er in seinen Berichten schonungslos offenlegt. So gab er sich u. a. bereits als Drogenabhängiger, Obdachloser und „illegaler“ Wanderarbeiter aus. 2007 erhielt er für seine Reportage über Erntehelfer in Apulien den Europäischen Journalisten Preis.

Für das Buch „Bilal” folgte Gatti schwarzafrikanischen Flüchtlingen auf ihrem gefährlichen Treck nach Europa, einer Reise ins Ungewisse, die für die meisten dieser Menschen mit der sofortigen Abschiebung, für viele aber auch mit dem Tod endet.
Von Dakar aus beginnt der Weg entlang einer jahrtausendealten Route, der sogenannten Sklavenpiste, auf der bereits das Römische Imperium mit Arbeitskräften versorgt wurde. In überfüllten Bussen und Lkws nimmt die Reise ihren Lauf, vom Senegal nach Mali, von Mali in den Niger, in die Stadt Agadez. Agadez ist einer der wichtigsten Umschlagplätze für Menschenhändler: Vier bis fünf Lkws brechen von hier aus täglich in Richtung Norden auf, 15.000 Menschen pro Monat, von denen jeder seinem Schlepper 150 Euro zahlen muss – für eine Reise in ein ungewisses Schicksal. Gatti erfährt von merkwürdigen Verbindungen zwischen Schlepperbanden und pakistanischen Islamisten, auch die al-Qaida und die libysche Regierung scheinen in das Geschäft mit dem Elend verwickelt zu sein. Von anderen Flüchtlingen wird er eindringlich vor einer Weiterreise gewarnt, dennoch bricht er an Bord eines alten Lastwagens zusammen mit 200 Menschen nach Libyen auf. Die bislang gefährlichste Etappe der Reise beginnt. Gatti selbst ist durch seine europäische Identität, seinen italienischen Pass, geschützt. Doch er erlebt, was die vor dem Elend fliehenden Schwarzafrikaner auf ihrem Weg erleiden müssen:  Strapazen, Hunger, Durst, Krankheiten, Demütigungen und Schikanen durch Polizei und Militär. Immer wieder werden Flüchtlinge erpresst, geschlagen und gefoltert. Für viele von ihnen endet die Reise bereits in einem der desolaten Wüstenorte auf der Route durch den Niger. Ihrer letzten Habseligkeiten beraubt, fristen sie ein hoffnungsloses Dasein als Gestrandete, verdingen sich als moderne Sklaven für einen Hungerlohn.
An der libyschen Grenze wird Gatti schließlich die Einreise verweigert, hier endet vorerst seine Recherche. Zurück in Italien begibt er sich auf die Insel Lampedusa, dem durch sein berüchtigtes Auffanglager zu trauriger Berühmtheit gelangten Vorposten der „Festung Europa“. Er vernichtet seinen Pass, schlüpft in eine ölverschmierte Schwimmweste und lässt sich als scheinbarer Schiffbrüchiger an Land treiben. Aus dem Journalisten wird der kurdische Flüchtling Bilal Ibrahim el Habib. So gelangt er in das Lager, das er als einen Schandfleck Europas beschreibt: Die Neuankömmlinge werden zunächst gezwungen, sich auf einen von Fäkalien bedeckten Boden zu setzen, jeder Verstoß wird mit Tritten und Prügel bestraft. Systematische Demütigungen und körperliche Misshandlungen sind alltägliche Rituale.
Viele der Flüchtlinge werden ohne Umschweife nach Libyen abgeschoben, das aufgrund eines bilateralen Rückführungsabkommens mit Italien (mit 5 Milliarden Euro erkaufte die Regierung Berlusconi die bereitwillige Kooperation des Diktators Ghadafi) als „sicherer Drittstaat“ gilt. Doch von Sicherheit im einstigen „Schurkenstaat“ kann nicht die Rede sein: systematische Folterungen und Vergewaltigungen sind in den libyschen Auffanglagern an der Tagesordnung. Nicht selten werden Flüchtlinge auch hinaus in die Wüste, in den sicheren Tod getrieben.
Andere werden zunächst nach Sizilien geschickt, wo sie einen Ausweisungsbescheid erhalten und innerhalb von sechs Tagen Italien verlassen müssen. Diese seltsam anmutende Vorgehensweise erfüllt durchaus einen verborgenen Sinn, so wird die italienische Land- und Bauwirtschaft mit billigen Schwarzarbeitskräften versorgt – mit den billigsten überhaupt, denn „Illegale“ haben keine Rechte und lassen sich optimal ausbeuten.

Die Lektüre von „Bilal“ hinterlässt den Leser wütend und zugleich voller Scham angesichts all der geschilderten Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit. Aktuellen Daten des Netzwerks UNITED zufolge starben seit 1993 bereits über 13.800 Menschen an den Folgen der Abschottungspolitik der „Festung Europa“. Fabrizio Gatti gibt ihnen eine Stimme, ein Gesicht, lässt sie für den Leser lebendig werden. Es sind Menschen voller Hoffnungen, „Helden unserer Zeit“, wie der Autor sie bewundernd in einem Interview mit der ZEIT nannte (DIE ZEIT, 11.03.2010, Nr. 11), die sich Europa als eine Art „gelobtes Land“ erträumen. Durch eigene Arbeit wollen sie sich hier, fern von Kriegen, Dürre und Hungersnöten, eine neue Existenz  aufbauen. Und diese Helden sind es, die immer im Mittelpunkt des Buches stehen.

Thomas Wagner