Erreichbarkeit

Zur Zeit haben wir kein Büro. Sie erreichen uns per E-mail, bitte geben sie dabei eine Rückmeldemöglichkeit an: Kontakt

Sie möchten unser Engagement unterstützen?

Scheffer, Paul:
Die Eingewanderten : Toleranz in einer grenzenlosen Welt
/ Paul Scheffer. Aus dem Niederländ. von Gregor Seferens, Andreas Ecke … - München : Hanser Verl., 2008. – 536 S.
ISBN 978-3-446-23080 

Erfahrungen aus den Niederlanden prägen ganz wesentlich dieses facettenreiche, herausfordernde Buch über Geschichte und Ursachen der Migration in Europa und den USA.
Der Beginn der Arbeit an dem Buch „Die Eingewanderten“ lässt sich auf das Jahr 2000 zurückdatieren. Mit seinem damals erschienenen Essay „Das multikulturelle Drama“ hatte der in Amsterdam lebende Soziologe und Publizist Paul Scheffer (Jahrgang 1954) eine öffentliche Diskussion über die politische Kultur der Niederlande beim Umgang mit Immigranten überhaupt erst in Gang gesetzt. Kontrovers diskutierte die Öffentlichkeit vor allem über die Aussage: „Das multikulturelle Drama, das sich abspielt, ist die größte Bedrohung für den gesellschaftlichen Frieden.“ (S. 53) Hatte Scheffer mit seinem Essay zunächst die Aufmerksamkeit seiner Landsleute auf die Notwendigkeit einer Erfolg versprechenden Integrationspolitik sowie auf die prekären Folgen von Konfliktvermeidung lenken wollen, arbeitet er in seiner vorliegenden Publikation in der begonnenen Linie weiter. Das Buch ist also einerseits das Ergebnis jahrelanger eigener Forschung unter Einbeziehung angrenzender Fachdisziplinen, andererseits zugleich das Produkt öffentlicher Debatten sowie persönlicher Begegnungen.
Der Vorstellung Scheffers, wie aus Konflikten im Zusammenhang mit Migration eine Erneuerung der Gesellschaft als Ganzes entstehen kann, liegt die Überzeugung zugrunde, „dass die gegenwärtige Migration und die Reaktionen, die sie hervorgerufen hat, die Gesellschaft vorerst nicht weitergebracht haben. … In Europa steht die Toleranz unter Druck.“ (S. 13)
Ausgangspunkt der Betrachtung: Immigration ist zuallererst eine Erfahrung der Entfremdung und des Verlustes. Von ihr sind sowohl die Neuankömmlinge als auch die Einheimischen betroffen. Es geht um Entfremdung und Verlust, Berührung, Reibung und Konflikt. Rotterdams Bürgermeister Ahmed Aboutaleb, der vor kurzem Berlin besuchte, brachte diese beiderseitige Erfahrung des Verlustes zur Sprache: „Beide Seiten haben bei der Integration etwas zu verlieren. Daher müssen wir sie zusammenbringen.“ (1) 
Scheffers Konzeption zufolge geht jede Migrationsgeschichte mit Konflikten einher. (S. 19) „Wir müssen lernen“, so der Niederländer, „dass der Konflikt einen Abschied von der früheren Vermeidung bedeutet und dass er den Weg zu einem gesellschaftlichen Vergleich eröffnet. Darum ist Konfliktvermeidung nicht immer ein guter Weg, denn sie verlängert die Zeit des Nebeneinanderlebens nur. Der Konflikt ist schließlich ein Zeichen der Integration.“ (S. 485)
Die sozialisierende Wirkung des Konflikts (S. 19) zu erkennen und zu nutzen, steht im Zentrum einer erfolgreichen, auf Konfliktlösung, Gleichbehandlung und Selbstreflexion gerichteten Integrationspolitik.
Umfassend thematisiert der Autor in neun detailliert gegliederten Hauptkapiteln diverse Aspekte heutiger Immigrations- und Integrationspolitik. Da viele der Probleme nur im Licht der Geschichte verständlich sind, beschäftigt er sich speziell in den Kapiteln IV, V und VII mit der europäischen und amerikanischen Migrationsgeschichte der letzten beiden Jahrhunderte einschließlich ihrer Parallelen zum gegenwärtigen Bild. Die Nachkriegserfahrungen solcher Länder wie Frankreich, Deutschland, Großbritannien und die Niederlande stehen im Vordergrund der Betrachtung, die Scheffer mit der Einsicht abschließt, dass keines der verschiedenen „Modelle“ den Problemen gewachsen sei (S. 263), schon gar nicht das niederländische Modell des Ausgleichs. Eine große Rolle spielt der Europa-Amerika-Vergleich. Scheffer betont: „Der Gedanke einer Einheit in der Verschiedenheit birgt eine unauflösbare Spannung, die die Dynamik von Amerika ausmacht.“ (S. 330) (2) 
Scheffers empfehlenswertes Werk wirft einen optimistischen Blick auf die Bedeutung von Migration in unserer Zeit. Alles weist auf die Fragestellung hin: „Betrachten wir die Migranten von heute als die Mitbürger von morgen? Erwarten wir, dass sie Teil der kollektiven Erinnerung werden und auf ihre Weise das Bild des Landes beeinflussen werden? … Suchen wir nach verbindenden Symbolen, indem wir Raum schaffen für die Feier des Fastenbrechens, … indem wir die Migration als einen wesentlichen Teil der Nachkriegsgeschichte betrachten?“ (S. 484)
Bibliografie, Anmerkungen, Namenregister.

(1) Berliner Zeitung Nr. 79 v. 3.04.2009. – S. 20

(2) Angesichts der veränderten politischen Situation in Amerika veröffentlichte Paul Scheffer eine aktualisierte Kurzfassung seiner Buchthesen unter dem Titel „Vom Wert der Wut: Was wir in Europa von Barack Obama über Integration lernen können“ in der ZEIT Nr. 51 v. 11.12.2008. – S. 11

M. Jonzeck