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Laschet, Armin:
Die Aufsteigerrepublik : Zuwanderung als Chance
/ Armin Laschet. – 1. Aufl. – Köln : Kiepenheuer & Witsch, 2009. - 291 S.
ISBN 978-3-462-04105-7

Armin Laschet, Mitglied des Bundesvorstands der CDU und seit 2005 in der Landesregierung Nordrhein-Westfalens der erste Integrationsminister Deutschlands, beschreibt in dem vorliegenden Band seine Vision von einer „Aufsteigerrepublik“. Er fordert ein Deutschland mit einer neuen offenen Mentalität, die allen Menschen -  unabhängig von ihrer Herkunft – die realistische Chance eines sozialen Aufstiegs ermöglichen soll. Die demografische Entwicklung unseres Landes, der zunehmende Mangel an qualifizierten Fachkräften und die Auswirkungen der Globalisierung lassen die erfolgreiche Integration von Menschen mit Migrationshintergrund nicht nur zwingend notwendig, sondern auch zu einer Chance und einem Gewinn für die deutsche Gesellschaft werden.
Laschet gliedert das Buch in vier Kapitel: In „Wer sind wir?“ beschreibt er zunächst seine eigene Familiengeschichte und die der türkischstämmigen Autorin Hatice Aykün. Laschets Vater war zunächst Bergmann, begann dann jedoch zu studieren, wurde Lehrer und schließlich Schulleiter; Ayküns Vater kam als anatolischer Bauer nach Deutschland und wurde – für ihn ebenso ein Aufstieg - hier Bergmann; beider Kinder schafften auf der Erfolgsleiter schließlich den Aufstieg nach oben. Laschet will hiermit die Möglichkeiten in der „Aufsteigerrepublik Deutschland“ verdeutlichen, eine doch recht rosige Sichtweise, die der Autor im folgenden aber selbst relativiert, indem er realistisch erkennt, dass dem Großteil jugendlicher Migranten heutzutage auf dem Arbeitsmarkt die Chancen für eine qualifizierte Ausbildung verbaut sind. Sein Ideal ist der aufstrebende Elan des damaligen Wirtschaftswunders, und in dieser Hinsicht ist er durchaus nicht frei von Romantisierungen. Die Eingliederung der Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg in die westdeutsche Gesellschaft hat für ihn Vorbildcharakter für heutige Integrationsvorhaben. Abgesehen davon, dass aber auch diese in der Realität nicht problemlos vonstatten ging, erscheint der Vergleich mit der heutigen Zuwanderersituation auch recht hinkend. Dass die Politik – rechts ebenso wie links – in der Vergangenheit beim Thema Integration auf ganzer Linie versagt hat ist eine Tatsache, die Laschet unverblümt beim Namen nennt. In seiner Analyse vergangener Versäumnisse der deutschen Politik teilt er in alle Richtungen aus. Natürlich wird die rot-grüne Eingliederungspolitik kritisiert, der Laschet Naivität diagnostiziert. Aber seine Kritik macht auch vor der Ignoranz konservativer Politgrößen wie Franz Josef Strauß und Manfred Kanther nicht halt; insofern liefert der Autor hier eine erstaunlich ehrliche Bestandsaufnahme CDU/CSU-geprägter (Des-)Integrationsgeschichte. Beim Thema Bildung bemängelt der Politiker zwar Ungleichheiten und Versäumnisse, befürwortet aber seiner eigenen Parteilinie gemäß weiterhin das alte dreigliedrige Schulsystem.  
Im zweiten Kapitel „Deutschlands Weg zum Einwanderungsland“ schildert der Autor fünf Jahrzehnte deutscher Zuwanderungsgeschichte von der Ankunft des ersten Gastarbeiters 1955 bis hin zur Einrichtung seines Integrationsministeriums in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2005. Seine eigene Position erscheint in diesem Kapitel streckenweise etwas unklar. So fordert er einerseits das Recht auf eine doppelte Staatsangehörigkeit und kritisiert den Optionszwang, bemüht sich jedoch andererseits, so z. B. beim Thema „Missbrauch“ des Asylrechts in den 90er Jahren, seiner eigenen Partei die Treue zu halten.
Das dritte Kapitel „Deutschland wandelt sich“ befasst sich mit der Problematik existierender Parallelgesellschaften und interkultureller Verständnis- und Akzeptanzdefizite. Hier fordert Laschet – unterstützt duch Erzählungen von betroffenen Zuwanderern - erfreulich klar den Verzicht auf noch immer präsente Differenzierungen sowie gleiche Aufstiegschancen für alle in Deutschland lebenden Menschen, gleich welcher Kultur oder Religion sie angehören mögen.
Das vierte Kapitel „Und der Zukunft zugewandt“ liest sich fast wie eine Art Programm für eine zukunftsorientierte Integrationspolitik. Laschet fordert darin die längst überfällige Anerkennung der Leistungen der ersten Zuwanderergeneration und stellt die Frage nach deren Altersversorgung, was auch Altersheime und Pflegestationen mit einschließt. Er erkennt ferner, dass die Zukunftsfähigkeit Deutschlands von einer erfolgreichen Bildungspolitik abhängt und überrascht in seinem Plädoyer „Menschen sind nicht illegal“ mit erstaunlich progressiven Erkenntnissen. So kritisiert er die bisherige Trennung von Flüchtlings- und Integrationspolitik und fordert, auch „Statuslosen“ endlich legale Integrationsmöglichkeiten und ein Aufenthaltsrecht zu bieten. Seine Forderung nach einer „gemeinsamen Leitkultur“, die alle Bewohner unseres Landes mit einbeziehen sollte, schließt den Band ab.
Man mag Armin Laschet zwar hin und wieder ein gewisses Lavieren zwischen eigenen Visionen und konservativer Parteiprogrammatik attestieren; eine angenehme Überraschung ist dieses Plädoyer des CDU-Politikers für eine gesellschaftliche Erneuerung und ein damit verbundenes, längst fälliges Umdenken jedoch allemal. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Band auch in CDU/CSU-Kreisen für den einen oder anderen Denkanstoß sorgen wird.
Anhang: Literaturverzeichnis

Thomas Wagner