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Kilomba, Grada:
Plantation Memories : Episodes of Every Day Racism / Grada Kilomba. - 2. Aufl. – Münster : Unrast- Verl., 2010. – 151 S.
Übers. d. Hauptsacht.: Plantagen Erinnerungen : Episoden des Alltagsrassismus. – Text engl.
ISBN: 978-3-89771-485-4


In ihrem 2008 veröffentlichten Buch «Plantation Memories» erforscht Grada Kilomba etwas, das normalerweise unausgesprochen und damit unsichtbar bleibt: Alltagsrassismus. Das macht die in Lissabon geborene Autorin(1), westafrikanischer Herkunft (São Tomé und Príncipe) an Alltagserfahrungen einer deutschafrikanischen und einer afroamerikanischen, in Deutschland lebenden Frau deutlich. Die als Dozentin und Psychologin tätige Kilomba führte mit beiden Frauen Interviews, die Rückschlüsse auf Alltagsrassismus zu lassen. Durch die Verknüpfung von Psychoanalyse, Gender Studies und 'Race' Critical Studies bzw. Post-colonial Studies begreift Kilomba, die derzeit als Professorin am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität lehrt, Alltagsrassismus als eine gegenwärtige Reinszenierung von kolonialer Unterdrückung, Trauma, Erniedrigung und Kränkung und somit als zeitlos. Genau dieser Inhalt wird auf metaphorische Weise im Titel wiedergegeben, in dem die ‘Plantage’ als Symbol einer kollektiv erinnerten traumatischen Vergangenheit und gleichzeitig einer traumatisch erlebten Gegenwart steht.
Thematisch ist «Plantation Memories» in drei Teile gegliedert. Im einführenden Teil, der sich über die ersten vier Kapitel erstreckt, bespricht Kilomba Konzepte, die für die Analyse der Interviews grundlegend sind. Gleichzeitig positioniert sich die Autorin hier selbst und bringt – besonders im Kapitel 2 - ihre eigenen Erfahrungen mit ein. So erörtert sie die Konstruktion von Schwarzsein als ‘Other’ (das Andere) und stellt das Konzept von Objekt und Subjekt vor. Demnach sind Subjekte jene Menschen, die ihre eigene Realität definieren, ihre Identitäten bestimmen sowie ihre Geschichte benennen können. Im Kontrast dazu werden die Realität, Identität und Geschichte von Objekten entweder gänzlich von bzw. in Beziehung zu Subjekten festgelegt. Dieses Konzept verdeutlicht Kilomba anhand der kolonialistischen Praxis des gewaltsamen zum Verstummen bringen des schwarzen Subjekts durch das weiße Subjekt.
Im zweiten Kapitel hinterfragt die Autorin die traditionelle Wissenschaft sowie ihre Institutionen, indem sie aufzeigt, dass auch diese Räume von Inklusion und Exklusion geprägt sind. Sie fragt, wer Wissen schafft und wessen bzw. welches Wissen überhaupt als solches anerkannt wird. Nach Kilomba sind Emotionalität und Subjektivität Kategorien der wissenschaftlichen Sprache einer unterdrückten Realität, die in der weißen, rationalen und faktenorientierten Wissenschaft unsichtbar gemacht wurde und wird. Dieses sprachliche Konzept setzt Kilomba nicht nur in «Plantation Memories» um, das am Internationalen Literaturfestival in Berlin 2008 große Beachtung fand, sondern in ihrem gesamten Werk in Form eines lyrischen, erzählenden und persönlichen Schreibstils.
Das dritte Kapitel ist dem Rassismusbegriff und den daran geknüpften Theorien gewidmet.   Im vierten Kapitel stellt Kilomba das Konzept des Vergeschlechtlichten Rassismus (Gendered Racism) vor, dessen Kern das Ineinandergreifen von Geschlecht und Rassismus ist. Anschließend folgt, nach einem kurzen Abriss über das methodische Vorgehen bei der Interviewführung, der zentrale Teil des Buches: die Analyse der beiden Interviews, die in Form von Episoden alltagsrassistischer Erfahrungen in einer Reihe von Themenfeldern (u.a.: N-Wort, die Frage ‘Woher kommst du?‘) wiedergegeben werden. So zeigt Kilomba beispielsweise im sechsten Kapitel ‘Hair Politics‘, dass Äußerungen des weißen Subjekts wie ‘Darf ich deine Haare anfassen?’  ein Eindringen in den schwarzen, anderen Körper bedeuten und dieser somit durch einen rassistischen Akt zum Objekt gemacht wird.
Sie schließt ihr Buch mit dem 14. Kapitel ‘Dekolonisierung des Selbst‘ (‚Decolonizing the Self’) mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Themen und Theorien und eröffnet Strategien der Dekolonalisierung.
Mit «Plantation Memories» hat Grada Kilomba (Alltags)Rassismus an- und ausgesprochen,  kritisch verortet, analysiert und damit greif- und sichtbar gemacht. Für alle, die sich mit Gender Studies, African Studies oder 'Race' Critical Studies bzw. Post-colonial Studies auseinandersetzen (möchten), die eigene alltagsrassistische Erfahrungen theoretisch verorten oder das eigene Weißsein kritisch beleuchten und den daran geknüpften Rassismus dekonstruieren wollen oder einfach eine neue wissenschaftliche Form von Sprache kennen lernen möchten, wird Grada Kilombas Buch eine Bereicherung sein. Literaturverzeichnis.

Alina Strmljan

(1) Grada Kilomba ist Mitherausgeberin der Bände „Gemachte Differenz“, Unrast-Verl., 2009 und „Mythen, Masken und Subjekte : kritische Weißseinsforschung in Deutschland“, 2. überarb. Aufl., Unrast-Verl., 2009