Neuer Antisemitismus? : eine globale Debatte / hrsg. von Doron Rabinovici; Ulrich Speck; Natan Sznaider. - Orig.-Ausg. - Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2004. - 331 S. - (edition suhrkamp; 2386)
ISBN 3-518-12386-6

Vor dem Hintergrund jüngster antisemitischer und antiisraelischer Vorfälle in Europa sowie in Ländern des Nahen und Mittleren Ostens beschäftigt viele Menschen zunehmend die Frage, worin die Natur des heutigen Antisemitismus in Deutschland und anderswo bestehe (S. 95) und welche Gefahren von ihm ausgehen. Die Sichtweisen auch der Autoren dieses Sammelbandes, darunter international bekannte Historiker, Politikwissenschaftler und Publizisten von Rang wie O. Bartov, M. Walzer, D. J. Goldhagen, A. Finkielkraut, T. Haury, A. S. Markovits, M. Küntzel, M. Zimmermann und D. Diner, richten sich infolgedessen auf den seit langem zu beobachtenden "Wandel der Kontexte und Bezugspunkte" (S. 7) in der Entwicklung des global agierenden Antisemitismus.
Im Mittelpunkt der weltweit geführten Debatte über den "neuen" Antisemitismus steht der Nahostkonflikt, genauer der israelisch-palästinensische Konflikt und die damit verbundene höchst umstrittene Frage, "wo die Kritik an Israels Politik aufhört und Antisemitismus beginnt" (S. 303). Um die von D. Diner angemahnte "Trennschärfe" (S. 312) besonders in der Wahrnehmung und Deutung des israelisch-palästinensischen Konflikts bemüht, betrachten die hier mehrheitlich vertretenen Autoren die Israelkritik in gefährlicher Nähe zum Antisemitismus; andere, wie zum Beispiel T. Judt und J. Butler, relativieren mehr den Vorwurf des Antisemitismus. "Die Auseinandersetzung hat", wie die Herausgeber betonen, "ihren Kern in der Frage, ob gewisse Strömungen des kritischen Diskurses über den Nahostkonflikt durch den Konflikt selbst geprägt werden und durch ihn sachlich gerechtfertigt sind, oder ob der Konflikt nur einen Vorwand darstellt, antisemitische Haltungen und Weltbilder in der Tradition des 'alten' Antisemitismus zu vertreten, maskiert als 'Kritik an Israel'." (S. 10)
Behandelt werden weitere Aspekte und Bezugspunkte des "neuen" Antisemitismus wie der von M. Walzer so bezeichnete muslimische Antisemitismus (S.59) und der Antizionismus in der Geschichte besonders der deutschen Linken. 
Ausführlich und analytisch stringent referiert O. Bartov in seinem Aufsatz "Der alte und der neue Antisemitismus", der die Sammlung der insgesamt 17 originalen Beiträge eröffnet, über die erschreckenden Parallelen zwischen den tradierten und neuen Erscheinungsformen des Antisemitismus. Sein Fazit: "... es gibt eine dem Antisemitismus Hitlers ähnliche Qualität im neuen Antisemitismus" (S. 42).
Diesem vielstimmigen Sammelband kommt als vertiefende Lektüre zum Thema und zugleich als theoretische und politische Arbeitsgrundlage auch für Organisationen und Netzwerke große Bedeutung zu. Ungeachtet unterschiedlicher Herangehensweisen und Schlussfolgerungen gehen die Autoren den Quellen, Motiven und Denkmustern des "neuen" Antisemitismus in ihrer historischen Dynamik nach. Die Aufsätze widerspiegeln die Komplexität der auf den verschiedensten Ebenen geführten Diskussionen über den "neuen" Antisemitismus. Verlag und Herausgeber heben deshalb mit Recht hervor, dass der Band den internationalen Stand der Debatte erstmals für das deutsche Publikum erschließe. Einzige Bedingung: Man muss sich auf einen Diskurs einlassen wollen.
Weitere Publikationen zum Thema, darunter das 2004 im Verlag C.H.Beck erschienene Werk von W. Benz "Was ist Antisemitismus?" sowie der Titel "Israel, Europa und der neue Antisemitismus" von H. Rauscher, erschienen 2004 im Molden Verlag Wien, sind ebenfalls in der Mediathek der RAA vorhanden.

Marianne Jonzeck

Quelle: http://www.aric.de/publikation/archiv_buchtipps/diskriminierung/neuer_antisemitismus/