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Rüthers, Monica:

Juden und Zigeuner im europäischen Geschichtstheater : „Jewish Spaces“ / „Gypsy Spaces“ ; Kazimierz und Saintes-Maries-de-la-Mer in der neuen Folklore Europas
/ Monica Rüthers. – Bielefeld : transcript Verl., 2012. – 247 S. : Abb.
ISBN 978-3-8376-20627

Der Thementourismus boomt. Das populäre Kulturfestival in der alten polnischen Königsstadt Krakau und die bei Touristen und Einheimischen nicht minder beliebte Wallfahrt der Fahrenden, kurz la Fête des Gitans in der südfranzösischen Stadt Saintes-Maries-de-la-Mer ziehen jährlich viele tausend Besucher in ihren Bann. Beide Austragungsorte gelten als authentisch, so Monica Rüthers, Professorin für osteuropäische Geschichte an der Universität Hamburg, weil sie mit ganz bestimmten, traditionellen Vorstellungen von der jüdischen und Gitan-Geschichte verbunden sind. Darüber hinaus sind sie typische Beispiele für das Phänomen der inszenierten Räume (S. 20), das im Zentrum der vorliegenden vergleichenden Analyse steht.
Ein besonderer touristischer Anziehungspunkt Krakaus ist der „jüdische Themenpark“ (S. 61) im historischen jüdischen Stadtviertel Kazimierz, nicht weit entfernt vom früheren deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Kazimierz ist ein Symbol für die untergegangenen jüdischen Lebenswelten. Vielfältige kulturelle Highlights, Erinnerungsrituale, Begegnungsräume und Workshops sowie Restaurants mit speziell „jüdischer“ Küche werben um Teilnehmer, was nicht wenige Kritiker veranlasst, diese Inszenierungen mit Kitsch und Kommerz in Verbindung zu bringen. (*) M. Rüthers rät zu einer differenzierten Betrachtung. Was ist das Besondere an dem jüdischen Kulturfestival und der exotisch anmutenden Wallfahrt? Die kulturwissenschaftliche Studie in acht Kapiteln unter dem Titel „Juden und Zigeuner im europäischen Geschichtstheater“ gibt Aufschluss. Beide Anlässe seien Räume, in denen eine neue, identitätsstiftende Folklore entsteht. „Mit ausdrücklichem Bezug auf Geschichte und Tradition werden in dieser europäischen Folklore jüdische und Roma-/Zigeunerkulturen inszeniert und in die jeweiligen lokalen, aber auch in die gesamteuropäischen Kulturen und Ökonomien eingespannt. Dabei entstehen mehr oder weniger virtuelle, künstliche und inszenierte Räume des Jüdischen und Zigeunerischen. Diese Räume des Jüdischen heißen in der kulturwissenschaftlichen Forschung Jewish spaces.“ (S. 18)
Ausgehend von nachweisbaren Analogien zwischen den Festivals in Krakau und Saintes leitet M. Rüthers die These ab, dass es auch Gypsy spaces gibt, ein von der Forschung bisher kaum beachteter Gegenstand. Von ihrer Entdeckung macht die Autorin in der Analyse Gebrauch. Nicht nur in der Forschung, sondern auch zwischen den inszenierten Räumen in Polen und Frankreich gibt es sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede und Bruchlinien.
Widersprüche zeigen sich zum Beispiel in den teils kontrovers geführten Auseinandersetzungen um die korrekte Bezeichnung von Sinti und Roma. Aus gegebenem Anlass begründet M. Rüthers in ihrer Betrachtung, warum sie neben der Bezeichnung Roma und anderen ethnischen Begriffen die Sammelbezeichnung Zigeuner verwendet.
Die Frage stellt sich, ob man die beiden Konstruktionen eines bewusst inszenierten und vermarkteten Geschichtstheaters miteinander vergleichen kann und soll. Wie entstehen die zumeist stereotypen Bilder und Vorstellungen über „Schtetl“ und „Zigeunerlager“? Speziell im vierten Kapitel beschäftigt sich M. Rüthers mit den Kulturen des Blicks auf das Andere, indem sie auch an die Forschungsergebnisse des 2013 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichneten Literaturwissenschaftlers Klaus-Michael Bogdal anknüpft. Er untersuchte in seinem großen kulturhistorischen Werk „Europa erfindet die Zigeuner“ das ,Bild des Zigeuners’ in der europäischen Literatur und Kunst. Während die Shoah die Wahrnehmung der Bilder von Juden aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg veränderte und „sich die inszenierten Räume des Jüdischen dann von Räumen ohne Juden zu Räumen mit Juden, zu Möglichkeitsräumen mit emanzipatorischem Potenzial“ (S. 165) wandelten, blieben die Zigeuner-Bilder bis heute die alten. Dass Bilder und Vorstellungen stärker sind als reale Gegebenheiten, beweist allein folgende Tatsache: Während Roma-Festivals in Saintes und anderswo immer populärer werden, wächst in Westeuropa die Angst vor einer weiteren Zuwanderung von Roma aus Ländern Ostmittel- und Südosteuropas.
Was bedeuten die Jewish und Gypsy spaces für die Entwicklung der europäischen Gedächtniskulturen? Juden und Roma/Zigeuner, „Grenzgänger und Bewohner der Zwischenräume“ (S. 25), bekommen Rollen im europäischen Integrationsprozess zugewiesen. Sie dienen den europäischen Gesellschaften „zur Definition ihrer Selbstverständnisse und zur Abgrenzung …“ ( ebenda). Das Hauptelement in der europäischen Erinnerungspolitik ist und bleibt der Holocaust. Vor dem Hintergrund der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der beschriebenen touristischen Großereignisse in Krakau, Saintes und anderen europäischen Städten wie Berlin, Budapest und Prag berührt das inhaltlich-thematisch breit gefächerte und materialreiche Buch aktuell drängende Fragen wie Identitätsfindung, Folklore und Tourismus sowie Diskriminierung und Stigmatisierung von Roma.
Literaturverzeichnis; Filme zum Thema.

M. Jonzeck


(*) Kulturradio rbb stellte am 7. April 2013 seine Sendung  über das polnische Szeneviertel  Kazimierz  unter den treffenden Titel  „Zwischen Schtetl und Party-Hochburg“