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Islamfeindlichkeit : wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen / Hrsg. Thorsten Gerald Schneiders. – 2., aktualis. u. erw. Aufl. – Wiesbaden : VS Verl. für Sozialwissenschaften, 2010. - 498 S.
ISBN 978-3-531-17440-2

Islamophobie hat sich in der westlichen Welt zu einem ausufernden Trend entwickelt, der längst nicht mehr nur von erzkonservativen christlichen Fundamentalisten benutzt wird, sondern bereits in der Mitte der Gesellschaft seinen Platz gefunden hat. Auf Publicity und Wählerstimmen bedachte Politiker jeglicher Couleur scheuen sich  ebenso wenig wie selbsternannte intellektuelle Islamkritiker, mittels populistischer Plattitüden ganze Volksgruppen zu diffamieren und somit einem gärenden Rassismus zuzuarbeiten. Von Fanatikern begangene Verbrechen wie die Anschläge vom 11. September 2001 und der Mord an Theo van Gogh werden in diesem Kontext ebenso als Argumente missbraucht wie die herbei geredete scheinbare Integrationsunwilligkeit muslimischer Einwanderer.
Die Folge ist eine fortschreitende Polarisierung und Verhärtung der Fronten. Eine sachliche Diskussion über den Islam gestaltet sich in der Öffentlichkeit zusehends schwieriger. Es dominieren einerseits Populismus und (oft aus Unwissenheit resultierende) Ressentiments und andererseits eine dogmatische Verteidigungshaltung, die keiner berechtigten Kritik an der Religion mehr zugänglich erscheint. Rassistische Hetze und kontraproduktive Selbstzensur sind die extremen Begleiterscheinungen dieser Entwicklung.
Der vorliegende, vom Islam- und Politikwissenschaftler Thorsten Gerald Schneiders herausgegebene Band soll dazu beitragen, die Debatte zu versachlichen und unberechtigte Kritik von berechtigter Kritik zu trennen. Ergänzend zu dieser Thematik erschien vom gleichen Herausgeber ein zweiter Sammelband unter dem Titel "Islamverherrlichung : wenn die Kritik zum Tabu wird".

Das Buch gliedert sich in vier Hauptkapitel und insgesamt 29 Beiträge verschiedener  Autoren.
In „Ausgangspunkte islamfeindlichen Denkens in der deutschen Gesellschaft“ werden die historischen, kulturellen und soziologischen Ursachen des gestörten Verhältnisses zum Islam untersucht. Zum Auftakt bietet Thomas Naumanns Beitrag “Feindbild Islam – Historische und theologische Gründe einer europäischen Angst“ einen knappen historischen Überblick von den muslimischen Eroberungskriegen im 7. und 8. Jahrhundert über die Zeit der Kreuzzüge hin zur Epoche der europäischen Expansion bis ins 20. Jahrhundert. Die gemeinsamen Wurzeln der beiden miteinander konkurrierenden Weltreligionen Islam und Christentum werden darin ebenso angesprochen wie der fruchtbare Kulturaustausch zwischen Orient und Okzident. Alles in allem erscheint dieser Beitrag jedoch etwas oberflächlich geraten. So wird das nicht zuletzt durch machtpolitische Interventionen der westlichen Welt bedingte Scheitern säkularer Befreiungsideologien in der arabischen Welt im 20. Jahrhundert nur in einem Nebensatz erwähnt. Aber gerade hier findet sich der Hauptgrund für das Wiedererstarken des politischen Islam. Weitere Beiträge in diesem Kapitel beschäftigen sich u. a. mit klischeebehafteten Erzählmustern über den Islam in Geschichtsbüchern, der Rolle islamischer Nationen in internationalen Beziehungen und der Situation Deutschlands als Einwanderungsland für Muslime. Am interessantesten erscheint hier Kai Hafez’ Beitrag „Mediengesellschaft – Wissensgesellschaft?“, der sich mit den gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen des Islambildes deutscher Medien auseinandersetzt. Hafez konstatiert darin eine selektive Medienwahrnehmung hauptsächlich negativer Facetten des Islam wie Fundamentalismus, Terrorismus und Intoleranz. Die Ursachen dafür sind sowohl in einem traditionell überkommenen, gesellschaftlich verankerten Islambild wie auch in mangelndem Hintergrundwissen der Journalisten zu finden, das zu einer pluralistischeren Berichterstattung führen könnte.
Das 2. Kapitel untersucht die aktuelle Lage der Islamfeindlichkeit. Themen sind u. a. generelle und spezifische Vorurteile, empirische Grundlagen der Islamfeindlichkeit, Moscheebaukonflikte, die Problematik einer gestörten internationalen Kommunikation und der pädagogische Umgang mit dem Islam. Darin bestätigt sich einmal wieder, dass eines der Haupthindernisse für die angestrebte Integration muslimischer Einwanderer in der weit verbreiteten Voreingenommenheit und in realitätsfernen Feindbildern liegt, die durch den grassierenden und höchst medienwirksamen Populismus geltungssüchtiger Politiker noch verstärkt werden. Real existierende Missstände (so z. B. archaisch anmutende Geschlechterrollen und die Unterdrückung von Frauen) finden ihre Ursachen weitaus mehr in überkommenen Traditionen und in dem individuellen Bildungsstand der Betroffenen als im Koran, der oft mit Zitaten, die aus dem Gesamtkontext herausgerissen werden, als Ursache allen Übels herangezogen wird. So führt der Islamwissenschaftler Navid Kermani in seinem Beitrag vor Augen, wie leicht es ist, einzelne Verse gezielt zu propagandistischen Zwecken zu missbrauchen und fordert stattdessen eine kritische Interpretation in sich widersprüchlicher Passagen unter Berücksichtigung der historischen Umstände und Zusammenhänge.
Kapitel 3 befasst sich mit institutionalisierter Islamfeindlichkeit am Beispiel von  Parteien, Kirchen und islamophoben Websites, die sich (allen voran das Portal PI) immer mehr zu offenkundig rassistischen rechtslastigen Plattformen entwickeln.
Kapitel 4 „Personelle Islamfeindlichkeit“ widmet sich abschließend der Argumentationstechnik wie der persönlichen Motivation bekannter Islamkritiker wie Henryk M. Broder, Necla Kelek, Seyran Ateş, Alice Schwarzer, Hans-Peter Raddatz und Ralph Giordano. Michael Brumliks Beitrag „Das halbierte Humanum“ wurde bereits 2008 in Rechtspopulismus als “Bürgerbewegung” veröffentlicht.
Literaturangaben zu den einzelnen Beiträgen. Anhang: Autorenporträts

Thomas Wagner