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Laqueur, Walter:
Gesichter des Antisemitismus : von den Anfängen bis heute
/ Walter Laqueur. – Berlin : Propyläen Verl., 2008. – 246 S. – Aus dem Engl. übers.
ISBN 978-3-549-07336-0

Wenn auch gegenwärtig der Begriff des Antisemitismus nicht mehr so eindeutig ist wie früher und er einfach mangels eines anderen, genaueren benutzt wird, spricht nichts dafür, „dass das letzte Kapitel der langen Geschichte des Antisemitismus bereits geschrieben ist“ (S. 33), so das Fazit des international bekannten und angesehenen Historikers und Publizisten Walter Laqueur nach jahrzehntelanger wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit dem Gegenstand und eigener Lebenserfahrung.
Der 1921 in Breslau geborene, 1938 nach Palästina emigrierte Autor gehört zu den letzten noch lebenden Angehörigen einer Generation, die Judenhass und Judenverfolgung in ihrer radikalsten Ausprägung selbst erlebt hat. In jeder Zeile dieses Buches spürt man, dass der Antisemitismus für Laqueur kein abstraktes Phänomen ist.
Dreißig Jahre lang war der lehrende Historiker Direktor der Wiener Library in London, einer führenden Einrichtung auf dem Gebiet der Antisemitismusforschung. In seinem historischen Essay „Gesichter des Antisemitismus“ konnte er sich auf das ganze Spektrum vorliegender Forschungsergebnisse und Diskussionen zu Motivation, Charakter und Gestalt des Antisemitismus stützen und sie in seine Überlegungen einbeziehen. In elf Kapiteln auf nur knapp 250 Seiten umreißt er Grundzüge der weltweiten Geschichte des Antisemitismus von der Antike bis heute. Vor allem geht es ihm dabei um den heutigen Charakter des Antisemitismus und seine mögliche Entwicklung in der Zukunft. Es lag nicht in der Absicht des Autors, eine umfassende Theorie des Antisemitismus vorzulegen. Auch auf polemische Auseinandersetzungen lässt er sich nicht ein.
Aus gutem Grund widmet sich Laqueur in mehreren Abschnitten antisemitischen Positionen und Tendenzen nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa, in den USA sowie in der arabischen und islamischen Welt, denn immer noch wird die Debatte heftig darüber geführt, ob und in welchem Ausmaß der heutige Antisemitismus in demjenigen der Vergangenheit wurzelt. In diesem Zusammenhang lenkt er die Aufmerksamkeit des Lesers auf den historischen Umstand, dass es nach 1945 neben den weiter bestehenden traditionellen antisemitischen Feindbildern wesentlich neue Elemente und Trägerschaften gab. Dazu gehören die Leugnung des Holocausts, die ausgeprägt antizionistische Variante und die „Islamisierung des Antisemitismus“ (S. 228).
Die Frage, ob es einen neuen Antisemitismus gibt, „läuft letzten Endes auf das Problem hinaus, ob Antisemitismus und Antizionismus völlig verschiedene Erscheinungen sind oder ob Antizionismus unter gewissen Umständen in Antisemitismus umschlagen kann. Leider gibt es keine klare Trennlinie:“ (S. 17-18)
Von besonderem Interesse für die aktuelle Diskussion in Bezug auf den „Neuen oder post-rassistischen Antisemitismus“ (S. 211) dürften die Kapitel „Die Linke und der Antisemitismus“ und „Islamischer und arabischer Antisemitismus“ sein.
Angesichts des auch in Deutschland oft nicht angemessenen Umgangs mit dem Thema besitzt das schmale Buch große politische Bedeutung. Multiplikatoren wie Mitarbeiter aus NGOs und Netzwerken, Lehrer, Referenten, Sozialarbeiter und andere Interessierte könnten damit ihr Wissen zum Thema Antisemitismus vertiefen. 
Bibliografie und Personenregister.

M. Jonzeck