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Bogdal, Klaus-Michael:
Europa erfindet die Zigeuner : eine Geschichte von Faszination und Verachtung.

– 1. Aufl. – Berlin : Suhrkamp Verl., 2011. – 590 S.
ISBN 978-3-518-42263-2


Der zunehmende Antiziganismus in Europa ist alarmierend. Offene wie verdeckte Formen von Diskriminierung sowie gewalttätige Übergriffe auf Roma in einigen Ländern Südosteuropas sind keine Seltenheit. Initiativen der Europäischen Union und ihrer Mitgliedsstaaten, die Integration der in der EU lebenden größten Minderheit – offiziell spricht man von zehn bis zwölf Millionen Menschen – zu fördern und ihre Lebenssituation substanziell zu verbessern, haben bis heute nicht verhindern können, dass elementare Grundrechte der Sinti und Roma nach wie vor mit Füßen getreten werden. Jüngstes Beispiel: die Roma-Hetze in einer Ausgabe der Schweizer „Weltwoche“. Klaus-Michael Bogdal resümiert: „Heute angesichts des Wiederauflebens des ,Zigeunerhasses’ in Europa kommt uns die Geschichte ihrer Verachtung wie ein Wiedergänger vor, dessen Erscheinen uns wie der Antisemitismus und Nationalismus in Schrecken versetzt …“. (S. 17)
Die Ausgangsfrage, die ins Zentrum dieser „Geschichte von Faszination und Verachtung“ führt, lautet: Warum wurden und werden Angehörige der Romvölker und –gruppen in Europa ausgegrenzt, kriminalisiert, verfolgt und vernichtet?  Eine halbe Million Roma wurden Opfer nationalsozialistischer Vernichtungspolitik.
Wie kam es dazu, dass die vor etwa sechshundert Jahren aus Asien nach Europa eingewanderten ,Fremden’ von den Mehrheitsgesellschaften lediglich einen Platz am Rand europäischer Zivilisationen zugewiesen bekamen? Und nicht zuletzt die Frage: Aus welchen Quellen speist sich das Phänomen der negativen Wahrnehmung von Menschen dieser ethnischen Minderheit?
Die Antwort liegt im Titel des vorliegenden Buches: „Europa erfindet die Zigeuner“. Autor dieser thematisch einmaligen, akribisch recherchierten Studie ist der Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal (geb. 1948).
Seiner Ausgangsthese folgend sind ,Zigeuner’ „ein gesellschaftliches Konstrukt, dem ein Grundbestand an Wissen, Bildern, Motiven, Handlungsmustern und Legenden zugrunde liegt, durch die ihnen im Reden über sie kollektive Merkmale erst zugeschrieben werden.“ (S. 15)
An diesen Zuschreibungen, die entscheidend das historische und kulturelle Gedächtnis ganzer Gesellschaften und Generationen prägten und den Umgang mit der Roma-Minderheit beeinflussten, waren Kunst und Literatur in Deutschland und in anderen europäischen Ländern maßgeblich beteiligt.
Bogdal untersucht in seiner Studie das „Bild des ,Zigeuners’“ (S. 13) in der europäischen Literatur und Kunst vom Spätmittelalter bis heute. In drei chronologisch geordneten Kapiteln präsentiert er ein umfangreiches Textangebot, dem man entnehmen kann, welche Bilder, Phantasien und Ideen in teils bekannten Werken verschiedener nationaler Literaturen sowie auf der wissenschaftlichen Ebene durchgespielt werden. Die Literaturbeispiele, die Bogdal benutzt, inhaltlich erschließt und textkritisch interpretiert, reichen von mittelalterlichen Chroniken über anthropologische und ethnografische Quellen sowie literarische Werke aller Gattungen und Genres einschließlich der populären Zigeunerromantik bis zu den Holocaust-Erinnerungen von Roma.
Obwohl der Autor die „symbolischen Repräsentationen der Romvölker, die Bilder, die man sich von ihnen macht, und die Geschichten, die man über sie erzählt“ (S. 482) in den Mittelpunkt seiner Betrachtung stellt, vermittelt er Kenntnisse und Fakten auch über die Geschichte und reale Situation der Roma-Minderheit und vor allem „über uns, unser Denken, Fühlen und Verhalten, über Ausgrenzung, Aneignung und zivilisatorischen Hochmut …“.
S. 17)  So ermöglicht das Buch einen Blick in den Spiegel, „auch wenn es von der Erfindung eines Gegenübers der europäischen Völker handelt.“ (S. 17)
Fazit dieser gewichtigen Geschichte eines Fremdbildes: „Verachtung und Verfolgung in den hier untersuchten Erscheinungsformen werden weiterbestehen, solange die Lebensverhältnisse der Romvölker in Europa und ihre Beziehungen zur Mehrheitsbevölkerung sich nicht grundlegend ändern.“ (S.400)
Auf pauschale Lösungen und Rezepte zur Zukunft der Sinti und Roma im gegenwärtigen Europa will sich Bogdal verständlicherweise nicht festlegen. Er bietet Erklärungen und gesichertes Faktenwissen an, Wissen für die offene Auseinandersetzung mit allen Arten von Diskriminierung.
Anhang: Anmerkungen, Literaturverzeichnis, Personenregister, Werkregister.

M. Jonzeck