Spindler, Susanne: 
Corpus delicti : Männlichkeit, Rassismus und Kriminalisierung im Alltag jugendlicher Migranten
/ Susanne Spindler. Edition d. Duisburger Instituts für Sprach- u. Sozialforschung. – 1. Aufl. – Münster : Unrast-Verl., 2006. – 356 S. – (Edition Diss; Bd. 9) 
ISBN 978-3-89771-738-1

Werden Jugendliche mit Migrationshintergrund straffällig, wird immer gern ihr kulturelles Umfeld bzw. ihre ethnische Herkunft als Erklärung herangezogen. Durch dieses simplifizierte Erklärungsmuster gerät jedoch oft die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen und familiären Lebensumständen der Betroffenen ins Hintertreffen. Der Blick der Öffentlichkeit wird von sozialen Missständen abgelenkt und fokussiert sich auf kulturelle Kontraste, die als scheinbare Ursache für Gewalt und andere Straftaten fungieren müssen. Dass die wirklichen Ursachen jedoch weitaus komplexere Hintergründe haben, führt die Studie der Pädagogin Susanne Spindler vor Augen, welche ursprünglich als Dissertation an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln angelegt war und für die vorliegende Buchveröffentlichung nochmals überarbeitet wurde. Insgesamt 23 Interviews führte die Autorin mit in Jugendstrafanstalten einsitzenden männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund, und diese Gespräche verdeutlichen, dass die Betroffenen ihr ganzes Leben hindurch „extremen Ungleichheiten“ ausgesetzt waren. 
Nach einleitenden ausführlichen Abrissen zu Geschlechterforschung und Rassismus, zur Diskussion um Kriminalität sowie zur Methodik der Biographieforschung werden in Kurzbiographien 11 jugendliche Straftäter vorgestellt, deren Interviews nachfolgend eine nähere Auswertung erfahren:
Zunächst werden die Jugendlichen zu ihren Erlebnissen im familiären Umfeld und zur Rolle der Elternteile befragt. Dabei wird deutlich, dass die Figur des Vaters bei den Betroffenen oftmals eine stark prägende Rolle gespielt hat; sei dies in der häufig auftretenden Form als gewalttätiger Aggressor oder auch als selbst an vielen Unzulänglichkeiten leidende Figur. Im Vergleich dazu ist das Verhältnis zur Mutter oftmals von liebevollen Emotionen geprägt und sie fungiert als „emotionaler Rettungsanker“.
Im Anschluss beschäftigen sich die Fragen mit dem schulischen Kontext. Die Betroffenen konnten hier schon früh unliebsame Erfahrungen mit strukturellen Diskriminierungen sammeln, was nicht zuletzt auf mangelnde Deutschkenntnisse zurückzuführen war. Auch erste Rassismuserlebnisse fanden im schulischen Rahmen statt.
Im Folgenden werden die Rolle der Erwerbsarbeit sowie die Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche diskutiert. Dass nach einer von mannigfachen Problemen geprägten schulischen Ausbildung auch der Start ins Berufsleben erschwert wurde, versteht sich von selbst. Migrationshintergrund, Klassenzugehörigkeit und vor allem auch individuelle Gründe trugen letztendlich zum Scheitern bei.
Einige der Betroffenen weisen einen Flüchtlingsstatus auf. Diese spezielle Form der psychischen Belastung, individuelle Erfahrungen in Flüchtlingsheimen sowie die rechtliche Situation von Flüchtlingen sind Thema des folgenden Kapitels.
Anschließend werden sexualisierte Gewalt, ihr Zusammenhang mit Rassismus und ihre Rolle als Mitursache der Kriminalisierung, Homosexualität (und nicht zuletzt eine panische Angst der Betroffenen vor dieser) sowie die Beziehungen zu Mädchen und Frauen untersucht. 
Die Clique als „Ort der Solidarität“, der für die Jugendlichen oft eine quasi-familiäre Bedeutung gewinnt, steht im Zentrum des nächsten Kapitels. Doch diese von territorialen Macht- und Rangkämpfen geprägte semikriminelle Grauzone dient oftmals nur als Vorstufe zur endgültigen Kriminalisierung. Das Leben im Gefängnis als junger Migrant und die Konfrontation mit bevorstehender Abschiebung sind die weiteren Themen. Ein ausführliches Fazit der Autorin schließt den Band ab.
Umfangreiches Literaturverzeichnis.

Thomas Wagner

Quelle: http://www.aric.de/publikation/archiv_buchtipps/diskriminierung/corpus_delicti/