Erreichbarkeit

Zur Zeit haben wir kein Büro. Sie erreichen uns per E-mail, bitte geben sie dabei eine Rückmeldemöglichkeit an: Kontakt

Sie möchten unser Engagement unterstützen?


Mappes-Niediek, Nobert:

Arme Roma, böse Zigeuner : was an den Vorurteilen über die Zuwanderer stimmt.
1. Aufl. – Berlin : Ch. Links Verl., 2012. – 208 S.
ISBN 978-3-86153-684-0

 

Diesem faktenreichen Buch des Publizisten und Balkankorrespondenten Nobert Mappes-Niediek (geb. 1953) gehen gezielte journalistische Recherchen, Begegnungen und Beobachtungen in Roma-Siedlungen vor allem in Rumänien voraus. Der Autor führte darüber hinaus viele Gespräche mit Soziologen, Polizeibeamten und Politikern aus Südosteuropa. Quellenangaben im Anhang weisen auf ein reichhaltiges Literaturstudium hin.
Mappes-Niediek untersucht gleich im ersten Kapitel „Die Ökonomie der Armut“ die Ursachen für das Elend der Roma in Mittel- und Südosteuropa und in Verbindung damit die unterschiedlichen Sichten in Ost- und Westeuropa auf die ökonomische und gesellschaftliche Situation der Roma. Sieht man in den ehemaligen sozialistischen Ländern Europas die Ursachen für das Elend der Roma in ihrem Verhalten und ihrer Kultur, führen die westlichen Demokratien die Lage der Roma auf deren Diskriminierung durch die Mehrheitsgesellschaft zurück.(S. 13)
In diesem Zusammenhang erwähnt der Autor die wichtige Studie des Bukarester Soziologen Cătălin Zamfir, die sich mit der Situation der Roma auf dem Arbeitsmarkt nach dem Ende des Ceauşescu-Regimes beschäftigt: „1990, nach dem Sturz des Diktators, gab es in Rumänien noch 8,4 Millionen Arbeitsplätze, heute sind es noch vier Millionen. Nicht alle Arbeitslosen und Emigranten von heute sind Roma, aber fast alle Roma sind arbeitslos oder gehen ins Ausland.“(S. 14)
„Tatsächlich waren die allermeisten Roma in kommunistischer Zeit nicht nur in Rumänien ins Arbeitsleben integriert.“(S. 15) Sie sollten wie alle anderen Teil des „werktätigen Volkes“ werden. Wie Mappes-Niediek konstatiert, fielen mit der „samtenen Revolution“ in allen mittel- und osteuropäischen Ländern die Hälfte der Arbeitsplätze weg. Zu den Betroffenen gehörten auch fast alle Roma. Sie standen potenziell in Konkurrenz zu armen Ungarn, Slowaken, Rumänen und Bulgaren, die sich selbst wiederum als Opfer sehen und mit Missgunst und Neid die Hilfs- und Förderprogramme für die Roma betrachten.
Im Kapitel „Auf dem Weg nach Westen“ analysiert der Autor die Zuwanderer-Ströme der Roma aus Mittel- und Südosteuropa. Sie kommen als EU-Bürger oder als Asylbewerber. Mappes-Niediek betont, dass nicht die Ärmsten aus den Dörfern und Slums auswandern, sondern vor allem die Bewohner aus großen städtischen Roma-Vierteln, etwa aus Stolipinowo in Plowdiw, aus Ferentari in Bukarest, aus Fakulteta in Sofia oder aus der Siedlung Lunik IX in Kosice.
Man kann annehmen, dass etwa 10 Prozent der Roma aus Ländern wie Rumänien, Ungarn, Bulgarien und Serbien in Westeuropa leben. Die Zuwanderung nach Deutschland hat sich nach Aufnahme Bulgariens und Rumäniens in die EU mehr als verdoppelt. Asylbewerber aus den Balkanstaaten kamen nach Aufhebung der Visa-Pflicht ebenfalls verstärkt in den Schengen-Raum, fast alle waren Roma.
Nach detaillierten Ausführungen zu den Themen Vorurteil, Geschichte und Kultur (Kapitel: „Faktum und Vorurteil“, „Geschichte und Kultur“) und die Frage: Sind Roma eine Nation oder doch nur eine Unterschicht – daraus abgeleitet brauchen sie Autonomie oder Integration? – befasst sich Mappes-Niediek in dem Kapitel „Vom Elend der Politik“ mit der Arbeit der vielen Organisationen und Institutionen, die die Roma vertreten sollen und wollen. Seit Europa ein „Roma-Problem“ habe, so der Autor, fließt viel Geld in unzählige Projekte, die von Staaten, Stiftungen und internationalen Organisationen gefördert werden. Inspiriert vom Geldfluss entstanden zahlreiche Roma-NGOs und andere Organisationen. Allein in Bulgarien wurden 3000 Roma-Organisationen – meist Ein-Mann- oder Familienbetrieb – registriert. Mappes-Niediek betrachtet diese sogenannte „Gypsy industry“ sehr kritisch. Sie sauge viel Geld auf und verursache manche Fehlsteuerung.(S. 169)
Die EU und die europäischen Staaten betreiben nach Meinung des Autors Minderheitenpolitik statt die Ursachen der Armut der Roma wirklich zu bekämpfen. Sie müssten dafür sorgen, dass die Roma einen besseren Zugang zu Bildung, Arbeitsmöglichkeiten, Gesundheitsversorgung und Wohnraum bekämen. Mappes-Niedek fordert solche Strategien immer wieder ein. „Aber wenn wir uns den nötigen Reformen nicht stellen, bleibt auch die große europäische Strategie zur Emanzipation der Roma bloß billige Heuchelei.“(S. 10)


Gisela Jonas